krimi

Die Kunst der Splash page

Avant-Verlag

Avant-Verlag

Fliegenpapier von Hans Hillmann ist ein geborgener Schatz unter den Comics. Comic ohne ein Comic sein zu wollen. Manche nennen es Graphic Novel avant la lettre. Ein Vorzeigebuch für alle, die noch immer nicht kapiert haben, dass das Erzählen in Bildern auch außerhalb von Filmen eine Kunst ist, die nicht bloß Kinder anspricht. Ein erwachsen wirkendes Buch, das sich aber nicht wichtig macht. In seiner Bescheidenheit ist es verständlich, dass es so lange unbekannt blieb, in seiner Großartigkeit ist es eine Schande, dass es erst jetzt groß rauskommt – in einer würdigen Aufmachung.

Die Story? Ein Standard-Krimi um einen Privatdetektiv. Ein Noir-Plot um Vermisste und Tote. Aber eigentlich Nebensache. Und so behandelt Hillmann sie auch. Der Ursprungstext von Dashiell Hammett ist reduziert auf das Wesentliche, verdrängt an den unteren Seitenrand. Sprechblasen gibt es nicht. Der Text ist bloß Aufhänger für die eigentliche Erzählung, die sich in den Bildern abspielt. Und es sind nicht bloß Panels in einem Raster. Es sind lauter Splash pages: Die schwarz-weißen, expressionistischen Gemälde füllen stets eine ganze bis zwei Seiten und lassen viel Raum, um sich von ihnen einnehmen zu lassen: von den noiresken Helldunkelkontrasten, von sinistren Gestalten in schattenwerfenden Hüten, von der Dynamik der Kämpfe und Schießereien, von den cineastischen Kamerafahrten wie etwa ein Zoom, der durch ein Fenster über einige Häuser hinweg führt und damit den Schauplatz elegant verlagert.

Ein Comic, das nur aus Splash pages besteht – das hat es für ein großes Publikum zuletzt 1992 bei einem welterschütternden Ereignis wie Supermans Tod gegeben. Es ist der feuchte Traum eines jeden Comic-Fans. Hier wird er wieder wahr. Fliegenpapier wirkt wie ein Film, den man gerne gesehen hätte, aber bei dem man am Ende froh ist, dass es doch ein Comic geworden ist – mit 250 prächtigen Seiten, die schnell gelesen sind, aber lange und immer wieder bewundert werden können. Jede einzelne kann man sich einrahmen.

>> Hans Hillmann: Fliegenpapier, Avant-Verlag 2015, 29,95 Euro.

Privatschnüffler gegen Privatschnüffelei

Panel Syndicate

Panel Syndicate

Stellen wir uns eine Zukunft vor im Jahr 2076 – ohne Internet. Denn die Cloud ist zerstört: Eines Tages kam die große Datensintflut, 40 Tage lang regneten die Daten ungehindert auf die Menschen ein, alles war für jeden sichtbar. Freundschaften, Beziehungen und Familien wurden zerstört, weil Geheimnisse offengelegt wurden. Im Jahr 2076 hört man wieder Schallplatten und Kasetten statt MP3s. Man schaut wieder mehr fern. Und man wird nicht ständig beobachtet. Im Gegenteil: Die Privatsphäre ist so wichtig, dass sich jeder eine Geheimidentität zulegt und auf der Straße mit einer (oft bizarren) Maske herumläuft. Die Polizei ist hier zugleich die Presse, Journalisten sind Ermittler, inklusive Trenchcoat und Fedorahut. Die beste Nachricht: Es werden wieder Zeitungen verkauft.

Dieses bunte, groteske Szenario bestimmt das Bild von The Private Eye, dem digitalen Comic von Brian K. Vaughan und Marcos Martin, das mit dem Eisner Award 2015 ausgezeichnet wurde – und zwar zurecht. Denn der Comic hat nicht nur einen originellen Ansatz (sogar mit großer Aktualität), sondern ist auch hervorragend gemacht. Knallbunte Farben, lebendige Figuren, pointierte Dialoge und eine dynamische Bildsprache, die die Möglichkeiten des (analogen!) Mediums nutzt, sind die Qualitäten, die diese zehnteilige Story ausmachen. Und das Schönste: die Künstler vertreiben ihr Werk selbst und man kann dafür bezahlen, was man will – von nix aufwärts. Jeder Cent geht direkt an die Künstler, ohne Prozente für Handel, Vertrieb oder Verlage.

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Ausgeblendet

Image Comics

Image Comics

Hollywood 1948. Der Drehbuchautor Charlie Parish erwacht in der Badewanne einer fremden Wohnung, die Frau, die mit ihm dort ist, wird es nicht mehr: Filmstar Valeria Sommers wurde vergewaltigt und ermordet. Doch Charlie kann sich nicht erinnern, wie er hergekommen ist. Er beseitigt alle Spuren, die ihn mit dem Fall in Verbindung bringen und macht sich davon – unbemerkt. Kurz darauf hat sich jemand anderes schon darum gekümmert: Ein Selbstmord wurde inszeniert, wahrscheinlich steckt das Studio dahinter. Ein Ersatz ist schnell gefunden.

The Fade Out von Ed Brubaker und Sean Phillips ist ein Comic in klassischster Film-Noir-Tradition. Abgefuckte Typen wie saufende Schriftsteller, korrupte Studiobosse und schmierige Filmstars bestimmen die Welt des schönen Scheins, in denen junge Frauen für schnellen Ruhm verheizt werden und im Gegenzug vor den Männern auf die Knie gehen oder schlimmstenfalls ihr Leben lassen.

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Pedant des Abseitigen

Die Liste der Woche: Die Filme von David Fincher.

Fight Club

Er gilt als Perfektionist – und tatsächlich ist ihm bisher noch kein Film misslungen. David Fincher ist einer der talentiertesten Filmemacher Hollywoods. Sein Ruf ist auf Filmen begründet, die meistens von den Härten des Lebens geprägt sind: Zynische Außenseiter und durchtriebene Arschlöcher müssen sich in einer abgefuckten Gesellschaft durchsetzen. Fincher fängt diese Atmosphäre in herrlich düsteren Bildern ein und hat ein ausgeprägtes Gespür für Dynamik. Die Filme dürften gut bekannt sein, daher haben wir uns bei unserer Bestenliste nur auf ein paar Kommentare beschränkt.

  1. Fight Club
  2. The Social Network
  3. Sieben
  4. The Game
  5. Panic Room
  6. Alien 3
  7. Der seltsame Fall des Benjamin Button
  8. Zodiac
  9. Verblendung

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Wahre Freundschaft

True Detective

Die neue HBO-Serie True Detective belebt das Krimi-Genre jenseits des Formelhaften wieder. Hier geht es mehr um lebendige Charaktere statt um Leichen und ihre Mörder. Matthew McConaughey setzt mit einer Glanzvorstellung seinen Triumphzug fort. Einzig das Anthologie-Format ist bedauerlich.

Zugegeben: Ich mag keine Krimis. Ich lese sie nicht, ich schaue sie nicht. „Wer ist der Mörder?“ ist eine Frage, deren Antwort mich nicht die Bohne interessiert. Doch immer wieder gibt es Ausnahmen. Es muss schon etwas Besonderes dabei sein: Ein abgedrehtes Setting mit schrägen Charakteren wie bei Twin Peaks oder ein Format wie The Wire, das die Grenzen des Genres sprengt. Im Wesentlichen aber geht es – wie bei den meisten Geschichten – um Charaktere. Egal, wie das Verbrechen ist, wie der Tatort aussieht, wie irre die Verdächtigen sind: Wenn die Ermittler einen interessieren, bleibt man dabei. So ist es auch bei mir.

True Detective, der neueste Streich von HBO, ist so ein Fall.  Mir reichte schon der Name des Senders, um mein Interesse zu wecken. Und wie meistens wird man fürstlich unterhalten. Sympathisch sind die beiden Detektive nicht, aber interessant. Und eben das macht sie wiederum sympathisch. Der eine, Rust Cohle (Matthew McConaughey), ist ein introvertierter Einzelgänger, genialer Ermittler, sowie Pessimist und Nihilist. Der andere, Martin Hart (Woody Harrelson), gibt nur vordergründig den Durchschnittstypen im Familienglück, dem die Ansichten seines Kollegen auf die Nerven gehen. Doch schnell stellt sich heraus, dass Hart ein Doppelleben führt, zum Saufen und Überreagieren neigt. Die beiden kommen an einen Tatort auf freiem Feld, wo sie die nackte gefesselte Leiche einer toten Frau mit Hirschgeweih finden. Es beginnt eine Odyssee durch Louisiana zwischen bibeltreuen Christen, Prostituierten, Bikern und White Trash.

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Es gibt Hirsch

Top of the Lake

Doppelporträt mit Hunden und Hirschgeweih. Szenenfoto aus „Top of the Lake“.

Die BBC-Mini-Serie Top of the Lake bietet alles, was gute Unterhaltung bieten kann: Ein Ensemble-Drama, einen atmosphärischen Krimi und prächtige Aufnahmen der neuseeländischen Landschaft. Doch das ist zu viel des Guten. Die Serie wäre schön anzusehen, wäre da nicht die mit Gender- und Psychoanalyse-Diskursen überfrachtete und schwach durchdachte Handlung. Nach der Ausstrahlung auf Arte zeigt der Sender das sechsteilige Werk auf seiner Webseite. Ab heute ist es auch auf DVD und Blu-ray erhältlich.

!!! ACHTUNG SPOILER !!!

Beim Betrachten der Mini-Serie Top of the Lake fiel mir der Film Verblendung ein. Im Original heißt er nämlich übersetzt: „Männer, die Frauen hassen“. So könnte man auch die sechs Episoden der BBC überschreiben. Wobei der Titel auch andersherum sehr gut funktionieren würde. Denn da tobt ein Kampf der Geschlechter. Ein Festmahl für die Psychoanalytiker, Gender-Forscher und Feministinnen hat uns Regisseurin und Co-Autorin Jane Campion (Das Piano) serviert. Ein Sechs-Gänge-Menü mit ganz viel Wild, dessen man aber schnell überdrüssig wird.

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