kurt tucholsky

Berliner Fragmente #43: Bilderbuch

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Foto: Lukas Gedziorowski

Wer wissen will, wie Deutschland von der Weimarer Republik in die tiefste Barbarei stürzen konnte, sollte Kurt Tucholskys Deutschland, Deutschland über alles lesen. In diesem Bilderbuch von 1929 zeichnet er ein Gesellschaftspanorama, das einen fassungslos zurücklässt. Das Prinzip ist einfach: Zu einem Haufen zeitgenössischer Fotos schrieb Tucho Bildunterschriften, mal kurze Essays, mal Erzählungen, mal Gedichte – aber immer volle Breitseite gegen Nationalismus, Militarismus, Rechtssystem, Beamtentum, Politik und Kulturbetrieb. Das ist ebenso witzig wie bitter, weil man einen Eindruck von einer Republik bekommt, die das Kaiserreich und den Weltkrieg nicht überwunden hat. Vielmehr gärt in ihr eine menschenverachtende Gesinnung, die das Land in seine größte Katastrophe stürzen wird.

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Berliner Fragmente #42: Sudelbuch

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Ein Sudelbuch ist eine praktische Sache. Es ist eine Halde für alles Ge- und Erfundene, was nicht verloren gehen soll. Man nehme ein Buch oder Heft und schreibe einfach alles rein. Das chaotische Prinzip ist zwar bei der späteren Suche die Hölle, dafür ist wenigstens alles an einer Stelle versammelt: Aufgeschnappte Zitate, Anekdoten, Rezepte, kluge Einfälle oder Ideen für die Arbeit. Der Begriff stammt von Lichtenberg, Kurt Tucholsky hat sein Diarium, das er von 1928 bis 1935 führte, ebenso genannt. Darin sind rund 800 kurze Einträge versammelt, manchmal nur ein paar Worte lang. Vieles davon verwendete er in seinen Texten. Und analog zu seinen Schnipseln, die er in der Weltbühne veröffentlicht hat, finden sich im Sudelbuch weitere Sprach- und Gedankenfetzen, die sich bei der Lektüre als Fundgrube herausstellen.

Ein paar Beispiele:

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Berliner Fragmente #34: Schnipsel

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

In der Berliner Tucholskystraße gibt es eine Tucholsky-Buchhandlung und in der findet man ein Regal voll mit – Tucholsky. Allein das qualifiziert die Tucholsky-Buchhandlung zur besten in Berlin.

Kurt Tucholsky war ein Fragmentarist in unserem Sinne. Er nannte sie Schnipsel, 1925 begann er damit als Peter Panter in der Weltbühne. Die erste Sammlung ist gebettet in eine Art Rahmenhandlung. Zu Beginn heißt es:

Ich gehe auf die Reise, alles wird noch einmal durchsucht, geordnet, hin- und hergelegt. Der quadratische Wahnsinn hat mich erfaßt: wozu soll es gut sein, dass auf einmal alle Mappen, Bogen und Brief mit den Kanten aufeinanderliegen? – es ist wohl so eine Art Versuch, die leblose Materie zu beherrschen. Die Fensterläden werden verschlossen, die letzten Zettel fortgefegt. Auf dem Schreibtisch liegen Schnipsel, kleine Späne von Papier. Das soll der Abschied sein. Da sind sie.

Die Schnipsel sind nicht nur Aphorismen, Lebensweisheiten und Mini-Essays, auch findet sich darunter Anekdoten und Minimalerzählungen. Im Gegensatz zu den frühromantischen Fragmenten haben Tucholskys Schnipsel daher auch einen literarischen Zug, zudem handeln sie auch von Literatur, Literaten und  Literaturkritik, wodurch sie wiederum einen selbstreflexiven Charakter haben. Tucholsky wettert in seiner bewährten ironischen Art gegen Kollegen. „Ein Leser hats gut“, schreibt Peter Panter, „er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.“ Es geht auch satirisch zu, viele Schnipsel richten sich scharf gegen die Politik in Deutschland, gegen Nationalismus und Kommunismus, gegen Militarismus und die aufsteigenden Nazis. Die meisten Schnipsel erscheinen in den letzten Jahren der Weltbühne, 1930 bis 1932, bis auch Tucho für die Außenwelt verstummt. Dass die kurzen Texte sich selbst nicht ganz ernst nehmen, sich eher als beiläufige Erscheinung verstehen, ist bereits am Ende der ersten Sammlung zu lesen. Dort weist der Erzähler seine Diener an: „Fegen Sie die Schnipsel heraus –!“

Diese Offenheit für Themen und Formen, dieser Fundstückcharakter, diese Ironie sollen Vorbild sein für unsere emblematischen Fragmente.

Hier eine kleine Schnipsel-Anthologie:

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