Liv Strömquist

Liv Strömquist: I’m Every Woman

I'm Every Woman

Avant Verlag

Was haben Karl Marx, Edvard Munch, Sting, Pablo Picasso, Percy Shelley, Phil Spector und Albert Einstein gemeinsam? Sie sind die miesesten Liebhaber der Weltgeschichte. Jedenfalls für Liv Strömquist. Marx ließ seine Frau seine Texte korrigieren und dankte es ihr, indem er die Haushälterin schwängerte, Munch und Spector waren rasend eifersüchtig, Shelley trieb Frauen in den Selbstmord, Einstein ließ seine erste Frau für seine Cousine fallen und leugnete ihren Anteil an ihrer gemeinsamen Forschung. Und Sting? Na ja, was für ein Liebhaber er ist, das wissen wir nicht, aber er hat mal einen gruseligen Song übers Stalken geschrieben.

In „I’m Every Woman“ erzählt Liv Strömquist von Frauen, die im Schatten ihrer berühmten Männer standen, wie Stalin, Jackson Pollock, Elvis Presley und John Lennon. Priscilla Presley ließ sich von Elvis im Haus einsperren und zur perfekten Ehefrau nach seinem Bilde gestalten, bis sie irgendwann genug von ihm hatte und ihn verließ. Yoko Ono litt unter einem klammernden John Lennon, der alles mit ihr machen wollte, worunter ihre Kunst litt.

Strömquist räumt also mit alten Mythen auf, rückt den Geniekult zurecht, indem sie zeigt, dass ein Genie selten allein kam und oftmals nur dank dem Einsatz (oder dem Verschleiß) ihrer Frauen so weit kamen. Das ist alles schön und gut. Nur zu der Frage, ob Yoko Ono  die Beatles auseinandergebracht habe, verspielt sie Sympathien, wenn sie polemisiert: „Als ob das so furchtbar schlimm wäre! ‚Obladi-oblada‘, give me a fucking break!!“

Wie schon in Der Ursprung der Welt und Der Ursprung der Liebe erzählt Strömquist mit schrulligen Zeichnungen und flapsigem, zum Teil auch sehr schwarzem Humor. Selbst der Grausamkeit eines Stalin kann sie noch einige Lacher abgewinnen. Ihre größte Leistung besteht aber nicht nur darin, historische Anekdoten aufzubereiten, sondern darin, Feminismus unterhaltsam zu verpacken, ohne dabei moralistisch zu werden.

Leider gelingt das in ihrem dritten Buch nicht so gut wie in ihren Vorläufern. Zum einen leuchtet der Aufbau nicht ein. Nach ihrer kurzen Top-7 der schlechtesten Lover geht sie in einzelnen Kapitel auf die vier anderen ein, die unerklärlicherweise nicht in dieser Liste auftauchen. Außerdem bleibt Strömquist nicht immer nah am Thema, sondern schiebt zwischend die Kapitel kleine Exkurse zu anderen feministischen Themen ein, zum Beispiel, warum in der Bibel von der „Hure Babylon“ gesprochen wird oder warum Menschen sich gerne mit Tieren vergleichen, um ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen.

Das mag alles sehr interessant sein, aber es wirkt willkürlich eingeschoben und auch deplaziert, weil es bestenfalls nur am Rand mit den gestörten Beziehungen zu tun hat, um die es in dem Buch geht. Dabei hätte es den Exkursen gut getan, sie in einen Gesamtkontext zu stellen. Strömquist stellt zum Beispiel fest, dass Kinder rechtskonservative Ansichten haben: Sie sind starke Traditionalisten und Moralisten, sie hassen abstrakte Kunst und sind Fans der Kernfamilie. Leider zieht die Autorin daraus nur den Schluss, dass sich manche Politiker benehmen wie Kinder. Wenn sie in einem späteren Exkurs der Kernfamilie eine Absage erteilt, weil sie eine späte Erfindung ist und einem selten eingehaltenen Ideal entspricht, dann könnte man sich fragen, welche Rolle dabei den Kindern als Kernfamilienfans zukommt – aber diese Verbindung stellt sie nicht her.

Damit ist das dritte Strömquist-Buch zwar so unterhaltsam wie die anderen beiden, aber geht bei Weitem nicht so in die Tiefe. Manch kluge Beobachtung wird für Witze verschenkt. Die meisten Kapitel wirken wie ein Nachklapp zu Der Ursprung der Liebe, andere wie Kapitel aus einem allgemeineren Buch über Feminismus, das noch geschrieben werden muss. Besonders schade ist das, wenn die Autorin behauptet, Gleichstellung allein, das heißt ohne eine gesellschaftsverändernde, feministische Vision, keinen Mehrwert habe. Wie diese aussehen könnte, diese spannendste aller Fragen lässt Strömquist leider unbeantwortet.

>> Liv Strömquist: I’m Every Woman, Avant-Verlag 2019.

Vagina ist nicht gleich Vulva

Avant-Verlag

Wenn ich eine Kritik zu einem Comic schreiben soll, der sich mit dem weiblichen Geschlechtsorgan beschäftigt, komme ich mir vor wie im ersten Aufklärungsunterricht. Ich weiß nicht, wie ich es angehen soll, irgendwie fühlt es sich seltsam an, obwohl es normal sein sollte. Wie soll man das angehen? Denn auch wenn der Aufklärungsunterricht schon lange her ist und das Leben um einige Erfahrungen reicher: Das ist ein Thema, über das man nicht spricht. Nicht damals, nicht heute. Man kann über Sex reden, aber nicht über DAS. Schon allein, dass man dafür kein anständiges Wort hat, das sich nicht zu wissenschaftlich oder zu vulgär oder verniedlichend anhört – ein Dilemma. Es kommt noch hinzu, dass es noch schwieriger ist, als Mann darüber zu sprechen; als stünde es einem nicht zu.

Warum ist das so? Warum tut sich unsere Gesellschaft so schwer damit? Woher diese Hilflosigkeit, diese Ängste? Wie gut, dass Liv Strömquist das in ihrem Buch Der Ursprung der Welt erklärt. Als Comic. Mit Text und Bildern. Danke dafür. Das war überfällig. Und die schwedische Autorin erklärt es so einfach und anschaulich, dass man es nicht nur versteht, sondern auch wunderbar darüber lachen kann. Man merkt beim Lesen, wie sich der innere Krampf löst. Und Erkenntnis einsetzt.

Der Blick ist feministisch: Strömquist stellt dar, dass die Kultur mal wieder an allem Schuld ist. Es ist kein Problem, über männliche Geschlechtsorgane zu sprechen, aber beim weiblichen Pendant herrscht immer noch sehr viel Ignoranz. Mehr Gerüchte und Hörensagen als fundierte Kenntnisse. Erst 1998 hat die Wissenschaft überhaupt verstanden, was die Klitoris ist und wie weit sie reicht. Und trotzdem sprechen wir immer noch von G-Punkten, klitoralen und vaginalen Orgasmen – ein Mythos. Das war nicht immer so: Schon in der Steinzeit, später auch in der Antike, wurden Vulvas noch ganz selbstverständlich dargestellt. Die Wahrnehmung von Frauenkörpern änderte sich: Galten Frauenkörper früher noch als unterlegene Männerkörper, wurden sie später zu Gegensätzen stilisiert. Die Vulva wurde zur Scheide, während der Mann demnach ein passendes „Schwert“ zwischen den Beinen trug. Für Sartre war die Vulva nur ein Loch, ein Nichts, das gefüllt werden sollte – kaum zu glauben, dass er mit einer Feministin wie Simone de Beauvoir zusammen war. Das Geschlechtsorgan der Frau galt lange nicht als eigenständiges Organ. (Was viel über den Status von Frauen aussagt.)

Aber Sartre war weder der erste noch der Letzte, der es so gesehen hat. Die Metapher des Gegenstücks zum Mann hält sich hartnäckig. Und das Wissen um weibliche Anatomie nahm ab. Während Hebammenratgeber im 17. Jahrhundert noch davon ausgingen, dass weibliche Orgasmen wichtig waren (für die Befruchtung), kamen im 19. Jahrhundert Pseudo-Wissenschaftler, die meinten, aus Theorien erfinden zu können, die Frauen sämtliches Lustempfinden absprachen. Die Vulva wurde verstümmelt, um alle möglichen angeblichen Leiden zu bekämpfen. Leider wird sie es immer noch: durch „Beschneidungen“ und Schamlippenverkleinerung. Das Geschlechtsorgan der Frau soll verschwinden – sich in das Nichts auflösen, für das es gehalten wird. Besonders deutlich wird das in einem Kapitel über langes Kapitel Menstruation. Hier stellt sie dar, wie aus etwas, das die frühen Menschen ursprünglich für ein Heiligtum hielten, ein Tabu gemacht wurde. Heute werben Tamponhersteller damit, dass ihre Produkte so klein sind, um nicht bemerkt zu werden, wenn die Frau sie in die Hand nimmt …

Strömquist erteilt ihren Lesern eine komprimierte Nachhilfestunde, in der sie mit Vorurteilen aufräumt und zeigt, dass dieses Organ eben deutlich mehr ist als eine Abwesenheit. Sie erteilt uns eine wichtige Grundlektion in Anatomie, indem sie klarstellt, dass Vagina (die Öffnung) nicht gleich Vulva (das gesamte Organ) ist und hilft damit, das Geschlechtsorgan besser zu verstehen. Ein Die Belehrung kommt trotz des klaren Appells für mehr Toleranz leichtfüßig daher und lockert selbst die schrecklichsten Episoden der Geschichte mit Ironie auf. Dabei bleibt sie bei aller humoristischer Übertreibung durchaus wissenschaftlich – und stellt damit eine Reihe von Pseudo-Wissenschaftlern bloß, die mit ihren Irrtümern oder unfundierten Annahmen immer noch nachwirken – leider sogar bis in die Schulbücher hinein.

Der Ursprung der Welt ist der Comic, den Schüler statt eines Biologiebuches lesen sollten. Es ist kenntnisreicher, tiefer und wohltuenderweise völlig unverkrampft. Die schlichten Zeichnungen (überwiegend schwarz-weiß) machen es ebenfalls leicht zugänglich. Aber auch für Erwachsene ist es Pflichtlektüre. Nicht nur für Frauen, sondern genauso interessant für Männer. Danach ist man nicht nur schlauer, es lässt sich vor allem viel besser darüber sprechen – falls man mal in die Verlegenheit kommen sollte.

>> Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt, Avant-Verlag 2017.

(Ebenfalls empfehlenswert: Der Ursprung der Liebe.)

Warum die Liebe liegenbleibt, wo sie hinfällt

Avant-Verlag

Was für Bücher gilt, gilt auch für Menschen: „You can’t judge a book by the cover.“ Das Cover zum Comic Der Ursprung der Liebe ist eine Herausforderung. Eine kitschige, dilettantisch wirkende Collage, die nach einer lieblos ausgeführten Aufgabe im Kunstunterricht aussieht. Und der Titel verheißt auch nichts Gutes – immerhin wird mal wieder das überanspruchte Wort Liebe bemüht. Noch ein Buch darüber, warum Männer und Frauen nicht zusammenpassen? Noch mehr Verallgemeinerungen und Klischees? Nein, danke!

Ich hätte das Buch nicht einmal angefasst, wenn man es mir nicht empfohlen hätte. Und als ich hineinsah, wollte ich es erst recht wieder weglegen. Die Zeichnungen bestätigten den ersten Eindruck. Doch als ich zu lesen anfing, als ich das Buch erst kennenzulernen begann, da war der erste Eindruck verflogen. Die schwedische Autorin Liv Strömquist hatte mich für sich gewonnen: mit klugen Gedanken und witzigen Einfällen zu der Frage, warum Menschen Beziehungen eingehen, warum die Liebe liegenbleibt, wo sie hinfällt – oder auch nicht. Strömquist zieht geläufige Theorien heran, zitiert Fachliteratur, im Grunde ist es ein Lehrcomic, aber so kurzweilig, dass es sich liest wie eine Sammlung amüsanter Anekdoten.

Die These: Das Problem an Liebesbeziehungen ist ein Machtgefälle. Vielen Männern ist ihre Freiheit und Unabhängigkeit wichtiger als emotionale Bindung, Frauen ergeben sich oft in eine gesellschaftlich vorgegebene Rolle, aber darunter leiden dann beide in Partnerschaften. Strömquist führt verschiedene Erklärungsansätze auf: soziologische, psychologische, historische. Und sie illustriert ihre Theorien mit Beispielen aus der Klatschpresse: den Klassiker Charles und Diana, Whitney Houston und Bobby Brown, Britney Spears und Kevin Federline. Man muss die Fälle weder kennen noch sich dafür interessieren, sie dienen nur als Steigbügel für Phänomene, in denen man ganz normales menschliches Verhalten wiedererkennt – wie zum Beispiel, warum Frauen sich von ihren Partnern abhängig machen und sogar Gewalt erdulden.

Das Beispiel von Victoria Benedictsson, einer schwedischen Autorin des 19. Jahrhunderts, zeigt, dass die Kunst der Pick-up-Artists keine neue Erfindung ist. Sie war vom Literaturkritiker Georg Brandes besessen, obwohl er sie schon bei ihrer ersten Begegnung gedemütigt hatte – eine typische Masche, um Frauen für sich zu gewinnen. Nachdem Brandes ihren Roman ablehnte, brachte sie sich um.

Strömquist beschreibt und erklärt nicht nur all diese Phänomene, sie legt auch die Absurdität offen, die mit Paarbeziehungen einhergeht: Das romantische Ideal, das mit Besitzverhältnissen verbunden ist, die willkürlichen Erwartungen, die wir an Beziehungen stellen. Die Autorin zeigt, ohne sich für eine Möglichkeit entscheiden zu wollen, dass Beziehungen auch anders denkbar wären, dass vom Gefühl der Liebe nicht zwangsläufig abhängt, ob und wie Menschen zusammen sind, ob sie Sex miteinander haben. Alles eine Frage gesellschaftlicher Konventionen – und des eigenen Willens. Nur am Ende lässt Strömquist sich doch zu einem Appell hinreißen, indem sie die US-amerikanische Feministin bell hooks zitiert: „Wo Macht ist, kann es keine Liebe geben. Um Liebe zu empfinden, muss man alle Macht aufgeben.“ Leichter gesagt als getan …

Keine Sorge, liebe Stammtischgemeinde: Das ist kein Buch, das feministische Mission betreibt, „uns Männern“ soll hier nichts weggenommen werden. Man kann diese 130 Seiten als Gedankenanregung lesen, zumindest das eigene Verhalten zu hinterfragen. Denn das Beziehungen scheitern, ist ein Problem, an dem täglich viele scheitern, ohne eine Lösung in Sicht zu haben. Man kann sich auch als Mann in der einen oder anderen Schilderung wiederfinden und vielleicht sogar Schlüsse daraus ziehen, welchen Beitrag zum Gelingen oder Scheitern man selbst leistet. Man kann sich aber auch einfach nur klug unterhalten lassen.

Strömquists Figuren – durchgehend in schwarz-weiß gezeichnet – sind nicht mehr als bessere Strichmännchen, ihre Ästhetik gibt sich naiv-infantil, aber je geringer die Erwartungen an den Stil, desto mehr überrascht sie inhaltlich durch kluge Einsichten und zündende Pointen. Manchmal muss man seine Vorurteile überwinden und Büchern eine Chance geben. Das gilt natürlich auch für Menschen. Dann klappt es vielleicht auch (endlich) mit der Liebe.

>> Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe, Avant-Verlag 2018.