mark millar

Schabernack mit Zeitreisen

Image Comics

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Was tun, wenn man einen Zeitreiseanzug erfunden hat und keinen Grund hat, in der eigenen Gegenwart zu leben? Dann macht man eben das Beste aus der Vergangenheit. Corbin Quinn, der erste Zeitreisende, soll eigentlich die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus aufzeichnen, strandet dann aber in Samarkand des Jahres 1504. Als sein Kollege und Freund Reilly ihn holen kommt, hat sich Quinn bereits ein eigenes Königreich aufgebaut – mit allen Annehmlichkeiten aus diversen Epochen. Von da an pfeifen die Wissenschaftler auf ihre Mission und gehen auf Spritztour durch die Zeit: Von der Entstehung des Lebens bis zu den Dinosauriern, von der Prohibitionszeit bis in die 1980er Jahre. Sie verdienen Vermögen an der Börse und am Roulette-Tisch, sie legen die großen Frauen der Geschichte flach, von Jeanne d’Arc bis Norma Jean Baker (Marilyn Monroe) oder treffen sich mit Jean Paul Sartre. Vor allem aber: Sie schreiben die Geschichte nach ihrem Gutdünken um. Das bedeutet vor allem: zu ihrem eigenen Vorteil.

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Mark Millar (Wanted, Kick-Ass, Kingsman, Civil War) spielt mit dem ersten Band von Chrononauts die hedonistischste Variante von Zeitreisen durch, sondern schafft damit auch die leichtfüßigste und witzigste Zeitreise-Story seit Zurück in die Zukunft. Im Grunde arbeitet er sich bloß an den typischen Wendepunkten der Menschheit ab und greift zu dem billigen aber bewährten Trick von Insider-Witzen, zum Beispiel wenn der Held dem neugeborenen Jesus ein Kruzifix schenkt – das ist typischer schwarzer Millar-Humor. Wenn am Ende Spartaner, Römer, Wikinger, Franzosen und Chinesen zu einer riesigen gemeinsamen Schlacht zusammengebracht werden, ist das natürlich großer Quatsch – aber einer, der ungemein amüsiert. Sean Murphys (The Wake) kantige, detailreiche Zeichnungen veredeln das Ganze auch visuell und verleihen der rasanten Geschichte eine zusätzliche Dynamik.

Bei aller Kurzweiligkeit wirkt die Story streckenweise auch zu abgehetzt, sodass die Charaktere auf der Strecke bleiben. Am Anfang werden sie nur sehr oberflächlich eingeführt und so kommt auch keine große Anteilnahme auf, wenn sich am Ende alles zur Idylle nach Hollywood-Manier fügt. Ernst nehmen kann und soll man das nicht. Selbst die größten Fehler und Unglücksfälle sind für Zeitreisende kein Problem, alles kann wieder ungeschehen gemacht werden. Wie? Ist doch egal. Logik? Irrelevant. Hauptsache, es macht Spaß. Und das ist in dem Fall nicht verkehrt.

>> Mark Millar/Sean Murphy: Chrononauts, Book One, Image Comics 2015. (Noch keine deutsche Fassung.)

Kingsman: Cool.

Kingsman: The Secret Service

20th Century Fox

 

Man kann nicht viel falsch machen, wenn man die britische Eleganz und Coolness von James Bond in ein furioses Action-Spektakel jenseits des guten Geschmacks packt. Und so ist Kingsman ein rundum gelungener Film geworden, irgendwo zwischen Hommage an und Parodie von Agentenfilmen. Das Drehbuch hält viele Lacher und schwarzen Humor bereit, Regisseur Matthew Vaughn macht liefert so atemberaubende Kampfszenen, wie sie seit Matrix nicht mehr beeindruckt haben.

Besonders im Gedächtnis bleibt ein Gemetzel in einer fundamentalistischen Kirche: Nicht nur, dass dort alle Gemeindeglieder ausrasten und sich gegenseitig abschlachten, auch Colin Firth (der eigentliche Held) hört nicht eher zu ballern und zu metzeln auf, bis er alle niedergemacht hat. Das ist selbstverständlich zynisch, Moralapostel könnten es gewaltverherrlichend nennen, man dahinter aber auch ein klares Statement gegen Rassisten und Homophobe sehen – oder sich einfach von einer irren Inszenierung umhauen lassen.

Alles an diesem Film ist cool. Der Stil, die Sprüche, auch die Gewalt. Aber das war sie auch schon bei James Bond. Das ist dort ebenso bedenklich wie hier, aber es macht meistens auch sehr viel Spaß. Da kann man auch verschmerzen, dass wie schon bei Wanted von Mark Millars Comic-Vorlage The Secret Service nur die Grundidee übernommen wurde. (Auch wenn man sich fragen muss, warum man etwas verfilmt, um es dann ganz anders zu machen.)