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Berliner Fragmente #31: Freiheit

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Conrad Schumann, der DDR-Grenzer, der 1961 über den Stacheldraht nach West-Berlin sprang, der zur Ikone der deutschen Teilung wurde, der noch nach dem Mauerfall Angst vor der Stasi hatte, überlebte die Freiheit 37 Jahre. Dann erhängte er sich.

Berliner Fragmente #11: Mauer

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Schwer vorzustellen, wenn man’s nicht erlebt hat, dass Berlin mal geteilt war. Nicht so sehr die Mauer selbst, als der Irrsinn, der hinter diesem Aufwand steckte. Da steht man nun an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße, sieht die verbliebenen Fragmente und ihre Platzhalter, liest sich an den Stelen entlang und kann es eigentlich nicht fassen. Erst 25 Jahre her – und es wirkt wie ein Jahrhundert.

Andererseits: Menschen mögen Mauern. Die schützende Höhlenwand. Das Haus, die Wohnung, die Grenze zum Nachbarn. Die Mauern von Jericho und Troja. Die Klagemauer. Der antimongolische Schutzwall der Chinesen. Verständlich: Mauernbauen zeugt von dem grundlegendem Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit. Auch als man im Mittelalter Menschen einzumauern pflegte, wollte man sich unliebsamer Zeitgenossen entledigen. Als halb Berlin eingemauert wurde, ging es nicht etwa darum, die darin lebenden Menschen vor anderen zu schützen (auch wenn das propagiert wurde), sondern um sie von der Flucht abzuhalten. Seltsam, dass einem Staat, dem die Bürger weglaufen, nichts besseres einfällt, als sich zu einem Hochsicherheitsgefängnis zu machen. Seltsam, dass jemand wie Walter Ulbricht nicht erkannt hat (oder nicht hat einsehen wollen), dass das einer Bankrotterklärung seines Systems gleichkam. Eine Verzweiflungstat. Je mehr man etwas beschränkt, desto wertvoller wird es. Die Mauer dürfte den Freiheitsdrang der Menschen verstärkt haben. So hat eine Mauer zwei Seiten. Man mag sie nur, wenn man nicht der Ein- oder Ausgesperrte ist.

Berliner Fragmente #0

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Fragmenteum goes Berlin. Und wird fragmentarisch.

Das Projekt Romantik ist Fragment geblieben. Höchste Zeit, es zu vollenden. Das multimediale Internetzeitalter ist dafür prädestiniert; das Internet ist das, was dem Ideal der Universalpoesie am nächsten kommen kann. Das Fragmenteum soll seinem Anspruch nach seinen Beitrag dazu leisten, aber bislang war es noch nicht sehr fragmentarisch. Das soll sich nun ändern.

Da mich meine Lehrjahre temporär in die Fremde verschlagen, nutze ich die Zeit für ein experimentelles Projekt. Statt – wie in diesem Medium üblich – schnöde Diarismen oder Herzensergüsse, Reise- oder Erfahrungsberichte zu fabrizieren, versuche ich mich mit einer Serie in etwas anderen Form: Ich will sie die Berliner Fragmente nennen. Vier Wochen lang soll täglich (mindestens) ein Post erscheinen: mit einem Foto (schwarz-weiß, da so auch ein mäßiges halbwegs gehaltvoll erscheint) und einer Betrachtung, einer Anekdote, einer Kritik oder einer Liste – Hauptsache kurz. Die Reduktion ist die erste Auflage, die Serialität die andere für diese emblematischen Fragmente.

Als Zuspätgeborener kommt man immer in die Verlegenheit, sein Projekt rechtfertigen zu müssen – erst recht als verspäteter Berliner. Daher eine Klarstellung: Keine Sorge, liebe eingeborene Berliner und auswärtige Skeptiker: Das wird keine weitere Hauptstadtromantik. Für eine Ode oder Hommage ist mir die Stadt zu fremd. Erst recht ist es kein bemühtes Hauptsache-was-mit-Berlin-Ding eines Irgendwas-mit-Medien-Schaffenden. Die Berliner Fragmente sind nichts als ein Versuch, anderswo mal was anderes zu machen, es könnte auch Bielefeld sein. Also bitte, liebe Hipster, hasst mich nicht, weil ich erst jetzt herziehe. Ich komme nicht, um zu bleiben – versprochen. Nur vier Wochen, dann geht’s wieder zurück nach Frankfurt. Für alle die’s noch nicht gemerkt haben: Das ist ohnehin die nächste Hipstopolis. 😉

Zur Einstimmung ein kleiner Berlin-Sampler mit Lou Reed, David Bowie und Iggy Pop.