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Die Philosophie des Comics

Warum soll das kein Comic sein? (Arte)

Warum soll das kein Comic sein? (Arte)

Wie verändert der Comic das Denken?

Über diese Frage haben der Philosoph Raphael Enthoven und der Autor Tristan Garcia in Artes Philosophie-Sendung gesprochen. Zu Beginn stellen die beiden ein Defizit fest: Die Philosophie hat sich nie mit dem Comic beschäftigt. Das lag wohl daran, dass sie lange zum einen als Kunst für Minderjährige, als eine Kunst der Kindheit gegolten hat, zum anderen als Zwitterkunst, hybride Kunst, eine schwer einzuordnende Halbkunst: zum Teil Literatur, zum Teil Bild.

Enthoven und Garcia fragen sich, was den Comic von seinen Vorläufern wie etwa Bilderzählungen der christlichen Ikonografie unterscheidet. Beide Formen zeigen Zeit als ein räumliches Nebeneinander, den Ablauf der Zeit in einer Gleichzeitigkeit („synoptisch, wie Gott die Zeit sehen würde“). Doch die Feststellung, dass man bei dem Leben eines Heiligen stets alle Bilder vor Augen hat und weiß, wie die Geschichte endet, überzeugt nicht als Argument. Denn zwar überlagern sich die Zeitebenen bei einem Comicbuch oder -heft, aber auch bei einem Comic-Strip sind alle Panels auf einmal zu sehen. Ob alles auf einmal sichtbar ist, ist im Zweifel eine Frage der Zahl und Größe der Panels. Und wenn Garcia später feststellt, dass das Wiederlesen der größte Genuss des Comics sei, dann weiß man dann auch beim Comic spätesens beim zweiten Mal, wie die Geschichte ausgeht.

Erneut erweist sich also die Suche nach Merkmalen, die Comics von seinen Vorläufern unterscheidet, als vergeblich. Man kann von Panels, Guttern und Sprechblasen als moderne Errungenschaften sprechen und zugleich viele moderne Gegenbeispiele finden, die ohne diese Merkmale auskommen. Es ist eine müßige Debatte, die wenig fruchtbar ist.

Am interessantesten ist der Gedanke, dass der Comic ein Medium ist, in dem sich das Selbst bildet:

„Wenn der Comic eine Sache der Zerlegung ist, bei der Zeit und Raum mittels Panels und Seiten aufgeteilt werden müssen, dann weil er die gigantische Metapher von etwas ist, das sich am Ende des 19. Jahrhunderts abgespielt hat, nämlich die Neueinteilung der Lebensalter des Menschen.“

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Tristan Garcia führt als Beispiel Arnold von Genneps Schwellentheorie. Darin wird die Gesellschaft mit einem Haus verglichen, bei dem Übergangs- und Initiationsrituale mit einem Eintritt in einen anderen Raum verbunden sind. Ende des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Übergangs- und Initiationsriten allmählich verschwinden, führt der aufkommende moderne Comic Heranwachsenden die Phasen des Lebens vor Augen. Er entwerfe eine „intuitive Theorie der Identität, sich als Ganzes lesen zu können“ und beruhige die jungen Leser, dass die Zeit keine zerstörerische Kraft sei.

„Der größte Genuss beim Comic ist das Wiederlesen“, sagt Garcia, „weil man sich vergewissern kann, dass alle Augenblicke des Lebens fortbestehen und nebeneinander existieren.“

Passend dazu zitiert Enthoven zum Schluss Marcel Proust: „In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.“

Die Suche nach dem Gegenstück

Was Comics können (Teil 8): Asterios Polyp von David Mazzucchelli
Pantheon

Pantheon Books

Ein Feuerzeug, eine Uhr und ein Taschenmesser – mehr nimmt Asterios Polyp nicht mit, als ein Brand in seinem Wohnhaus ausbricht. Kurz darauf greift das Feuer auf seine Wohnung über und der 50-Jährige steht vor dem Nichts. Mit den letzten Dollars in der Tasche fährt er mit dem Bus soweit sein Geld reicht. In einer Kleinstadt nimmt er einen Aushilfsjob in einer Autowerkstatt an. Dass er keine Autos reparieren kann, macht ihm nichts aus: er geht mal eben in die Bibliothek und liest sich sein Wissen darüber an.

Asterios Polyp, der Mann mit dem scharfgeschnittenen Kopf, der das Profil eines Pilzes hat, ist hochbegabt, einst ein angesehener Architekt, aber nur auf dem Papier, da seine Entwürfe zwar anerkannt sind, aber keiner davon realisiert wurde. Autor und Zeichner David Mazzucchelli (berühmt geworden als Zeichner von Frank Millers Daredevil: Born Again und Batman: Year One, 1987) erzäht in seiner ersten „Graphic Novel“ die Geschichte eines Mannes, der auf der Suche nach seinem Gegenstück an seinem Ego scheitert. Und dieses Gegenstück ist – wie kann es anders sein – eine Frau. Gemäß des platonischen Mythos, der Mensch sei urprünglich ein Kugelwesen mit zwei Köpfen, vier Armen und Beinen gewesen, drückt sich in der Partnerwahl ein Streben nach Vollständigkeit aus. Der Einzelne ist nur ein halber Mensch. In Rückblenden erfahren wir, wie Asterios seine spätere Frau Hana kennenlernte und wie er wieder einsam wurde. Aber das ist noch nicht der beste Part.

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Berliner Fragmente #30: Philosophie

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Der Fischladen im Prenzlauer Berg hat alles, was man von einem Fischladen erwarten kann: Gebratene, frittierte und geräucherte Fische. Und dazu hat er noch etwas anderes: eine Philosophie. Jedenfalls wird das auf der Website des Restaurants behauptet. Klickt man auf den Link, werden Qualität und Frische und ein breites Angebot gepriesen – aber von Philosophie keine Spur. Keine Gedanken zur Ontologie der Fische, keine Abhandlung über die Ethik des Fischfangs, keine Anthropologie der Fischzubereitung und erst recht keine Metaphysik der Meere. Nun erwartet man von einem Fischladen auch nicht gerade, dass er sich auch noch um die Grundfragen des Daseins kümmert. Die Köche haben genug damit zu tun, Fische zu braten. Aber warum die Betreiber eine Philosophie ankündigen und dann nichts bieten, ist ein Rätsel.

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Berliner Fragmente #24: Ironie

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Das ist die größte Herausforderung des menschlichen Geistes: Etwas zu hören oder zu lesen und zu verstehen, dass das Gegenteil gemeint ist. Dieses nicht seltene Phänomen nennt man in der Rhetorik Ironie. Und damit haben wir zwar die wichtigste, weil grundlegende Spielart dieser seltsamen Ausgeburt menschlicher Grillen ausgemacht, aber bei weitem nicht die tückischste. Denn wie das Leben so spielt – es dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben – ist nicht immer alles knalliges Schwarz oder Weiß, sondern oft auch irgendwie dazwischen, sprich: fades Grau. Aber da wird es bei der Ironie erst spannend. Denn es kommt vor, dass jemand etwas sagt oder schreibt und weder das eine, noch das Gegenteil davon meint, sondern – und jetzt aufgepasst – es nicht ganz ernst meint. Klingt schwammig? Zugegeben: Ist es auch. Kann man schwer greifen, schmeckt irgendwie suspekt, aber man kann nicht sagen wie. Kurzum: Man weiß nichts Rechtes damit anzufangen.

Jetzt meldet sich Widerspruch: Moment mal! Das ergibt doch keinen Sinn! Warum sollte man so etwas tun? Etwas sagen und es nicht meinen – das riecht doch nach Lüge! Naja, zunächst einmal zeugt das von Humor, vielleicht hat der eine oder andere Ironieferne davon schon mal gehört. Der Mensch, so haben kluge Menschen wie Aristoteles festgestellt, ist ein Homo ridens – das Tier, das lachen kann (allein die Deutschen – sagen böse Zungen – können das nur unter Tage). Und als solches treibt der Mensch manchmal Schabernack, indem er dummes Zeug redet. Manche finden das witzig, andere nur komisch.

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