poetikvorlesung

Frankfurter Fragmente #4: Poetikvorlesung

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Von allen Veranstaltungen, die eine Universität anbietet, sind die Poetikvorlesungen die zweifelhaftesten. Denn niemand scheint zu wissen, was eine Poetikvorlesung sein soll. Niemand weiß, was einen erwartet. Und die Dozenten wissen offenbar meist selbst nicht, was sie damit anfangen sollen. Poetik? Das müssten die meisten wahrscheinlich erst einmal nachschlagen. Dann aber kämen sie zu dem Schluss, dass es eine Poetik im eigentlichen Sinn nicht mehr gibt und geben kann. Poetik, das bedeutet „wie man etwas macht“, also ein Regelwerk: So muss man schreiben. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist das überholt. Denn fürs Schreiben gibt es keine Regeln, Literatur ist etwas, das kann man nicht lernen, und es jemandem beibringen zu wollen wirkt anmaßend. Entweder man hat Genie oder nicht.

Jedenfalls im Goethe-Land. Kreatives Schreiben findet man hier eher an der Volkshochschule als an der Uni. Und dennoch gibt es das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, eine Art Talentschmiede. Manche behaupten, dort würde bloß öder Einheitsbrei entstehen. Doch sind schon manche erfolgreich diesem Brei entstiegen und haben es auf die Bestsellerlisten geschafft. Das sagt zwar nichts über Qualität aus, aber darüber, dass Schriftsteller auch ein Brotberuf sein kann. Literaturinstitut sei dank? Das sei dahingestellt. Thomas Mann und Günter Grass sind ja auch nie dort gewesen.

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