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Frankfurter Fragmente #8: Meinung

Lautstarke Meinungsbekundung (Foto: Lukas Gedziorowski)

Lautstarke Meinungsbekundung (Foto: Lukas Gedziorowski)

Das Schönste an Meinungen ist, dass jeder eine haben kann – auch mangels Ahnung. Das Allerschönste ist, dass jeder sie auch äußern darf – auch wenn er ein Idiot ist. Das Dumme an Meinungen ist, dass sie stark auseinandergehen – und sogar sich widersprechen. Das Dümmste ist aber, wenn dann einer meint, die Meinung des Anderen, sei so falsch, dass sie verboten gehöre.

Ich schrieb vor kurzem, dass ich einen Film nicht mochte. Und dann bekam ich zurück: Frechheit! Ich hätte wohl Verdauungsprobleme. Oder ich schrieb, dass ich mit der jüngsten Frankfurter Poetikvorlesung nichts anfangen konnte. Dann schnappte gleich einer ein, gab sich empört und kam mir mit Bücherverbrennung (ich verstehe das auch nicht). Beide Kommentatoren haben neben ihrer Hypersensibilität noch etwas gemeinsam: Sie verweisen auf die Meinung der anderen, derer, deren Meinung sie teilen. Der eine auf den Erfolg des Films an den Kinokassen, der andere auf das Lob der Feuilletons. Meine Meinung zählt nicht, solange es andere gibt, die einem genehmer sind. Ja, mehr noch: Meine Meinung ist offenbar so falsch, dass sie kein Recht hat, geäußert zu werden.

Ich habe vor einigen Wochen bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Lügenpresse“ erlebt, wie einer sagte, er lese nur Zeitungen, in der er seine eigene Meinung wiederfinde. Das ist bemerkenswert, weil ich bis dahin gedacht hatte, dass man Zeitung liest, um etwas Neues zu erfahren, nicht nur im Sinne von Nachrichten, sondern auch im Sinne von anderen Standpunkten. Aber manche suchen offenbar bloß Selbstbestätigung. (Fragt sich nur, wozu man dafür Zeitungen kaufen muss.) Und wenn man sie bei einem Autor nicht findet, wenn der sogar noch eine Mehrheitsmeinung vertritt, oder noch schlimmer die der Herrschenden, dann muss er wohl gekauft sein oder sich nicht trauen, „die Wahrheit“ zu sagen. Auf jeden Fall ist er – für solche Leser – unglaubwürdig.

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Frankfurter Fragmente #3: Lügenpresse

Pegida-Demo am 21. April 2015 in Frankfurt am Main (Foto: Lukas Gedziorowski)

Pegida-Demo am 21. April 2015 in Frankfurt am Main (Foto: Lukas Gedziorowski)

Wer von der „Lügenpresse“ spricht, ist an der Wahrheit nicht interessiert. Daher wird jemand, der an dem Begriff festhält, auch durch nichts vom Gegenteil zu überzeugen sein. Wer „die Medien“ pauschal als Lügner beschimpft, ignoriert die unzähligen Fälle, in denen sie „die Wahrheit“ dargestellt oder gar aufgedeckt hat. Er unterliegt dem alten Denkfehler, ein Vorurteil zu fassen und dann Belege dafür zu suchen. Es sind Menschen, die von den Medien erwarten, dass sie die Ansichten ihrer Leser wiederspiegeln. Dabei sollten aufgeklärte Menschen daran interessiert sein, ihren Horizont zu weiten, indem sie sich mit anderen Perspektiven beschäftigen. Aber den Kritikern der „Lügenpresse“ geht es nicht um Aufklärung, sondern um ihre Abschaffung.

Hinter dem Begriff der „Lügenpresse“ steckt nur scheinbar der Anspruch auf Wahrheit. Das Streben danach sollte man aber nicht den Journalisten überlassen, sondern den Philosophen. Der Anspruch auf allgemeingültige Objektivität wäre Anmaßung. Daher kann der Journalist bestenfalls einen Ausschnitt der Realität liefern – und das immer nur aus wenigen Perspektiven, die immer geprägt sein werden durch seine eigene. Dass die meisten Informationen dabei wegfallen, dass sich die Welt nicht in einem Bericht, einer Reportage, einem Leitartikel – nicht einmal in einer Zeitung – erklären und auf einfach Formeln runterbrechen lässt, liegt im Wesen der Sache. Deshalb kündet die Pressevielfalt von ihrer Freiheit. Den Kritikern der „Lügenpresse“ geht es um Vereinfachung in Extreme und Feindbilder.

Medien sind wie Kommunikation per se unzulänglich und fehlerhaft. Das macht die Menschen, die sie bedienen, nicht grundsätzlich zu Lügnern. Handwerkliche Fehler können passieren wie überall, nur ist der Anspruch an die Medien ein höherer als in anderen Handwerken – und zwar uneinlösbar. Die Einsicht in den Irrtum schafft Erkenntnisse, um sich verbessern zu können. Medien leben daher von der Kritik und dem Diskurs. Seltsamerweise sind allerdings die fleißigsten Leser und Kommentatoren der „Lügenpresse“ jene, die sie als solche bezeichnen. Sie sind aber nicht deren Korrektiv, sondern ihre Negation.

Wer die Medien als „Lügenpresse“ angreift, greift auch die Meinungsfreiheit an. Das ist nicht nur ein Phänomen der Rechten, sondern auch der Linken. Interessanterweise wurde der Begriff gerne von denen benutzt, die selbst die größten Lügen in die Welt setzten. Wer in Deutschland nach Jahren der unfreien Presse und der Propaganda zweier Diktaturen immer noch über die „Lügenpresse“ schimpft, ist an Freiheit nicht interessiert, sondern nur an dem Diktat seiner eigenen Meinung. Das macht die Gegner der „Lügenpresse“ zu Feinden des Grundgesetzes und zu Volksverhetzern.

Wer von „Lügenpresse“ spricht, will auch keine „wahre Presse“. Daher ist solchen Menschen nichts entgegenzusetzen. Alle Mühe der Argumentation, der Vernunft und der Kritik wäre vergebens. Man kann sie nur ignorieren – und hoffen, dass ihre Borniertheit nicht allzu ansteckend ist.