proto-punk

Der vinylgebannte Wahnsinn

Before Punk: Garage Rock

Mitte der 60er ging eine Bombe hoch: Die British Invasion erreichte die USA und inspirierte unzählige Jungs, Bands zu gründen und sich auf ihre musikalischen Wurzeln zurückzubesinnen. Der Sound des Primitiven, Aggressiven, Subversiven wurde weiterentwickelt im Garagenrock, dem direkten Vorfahren des Punk Rocks. Der Versuch einer Einführung.

Der Wirbel auf der Snare klingt wie ein Maschinengewehr. Es folgt ein schneller, sehr angepisster Zwölftaktblues, die Gitarre hämmert ihre Powerchords stakkatohaft zusammen mit einem Saxophon. Man kann den Sound nicht anders als dreckig nennen, fast schon Gewalt für die Ohren – zumindest Mitte der 60er Jahre. Und dann schreit der Sänger seinen Text heraus, es geht um ein fieses Weibsstück. Das ist „The Witch“, die erste Single der Sonics, einer jungen Band aus Tacoma, Washington. Ende 1964 kam sie heraus; erst im August hatten die Briten The Kinks ihr „You Really Got Me“ herausgebracht. Und in gewisser Weise knüpften die Sonics genau da an: Hart, schnell, laut – wenn auch noch um einiges lauter, wütender. Schluss mit Liebeserklärungen, das ist eine Hasstirade, eine Warnung.

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Aus dem Keller in die Charts

Before Punk: British Invasion

Die Musik-Revolution aus den USA, Rock and Roll genannt, währte nicht lange. Um 1960 wurde es still, die Aufregung schien vorüber. Doch in Großbritannien fiel der Samen auf fruchtbaren Boden. Bands wie die Beatles und die Rolling Stones lösten die „British Invasion“ aus. Die Musik fand zu einer neuen Härte und subversiven Kraft. Es folgten mehrere Meilensteine auf dem Weg zum dem, was man später Punk Rock nennen sollte. Dabei spielte das Vorbild „Louie, Louie“ eine wesentliche Rolle …

Ein Hit musste her. Die Kinks, eine junge Band aus England, standen unter Druck. Es hatte nicht gereicht, Little Richards „Long Tall Sally“ nachzuspielen, auch die selbstgeschriebene Plänkel-Ballade im Beatles-Stil „You Still Want Me“ hatte nicht zum erhofften Durchbruch verholfen – beide Singles floppten, erreichten nicht einmal die Charts. Die Plattenfirma Pye verlor die Geduld und drohte: Wenn jetzt kein Hit kommt, fliegt ihr raus. Also setzte man sich ins Studio und tüftelte an Songs herum. Im August 1964 kam die dritte Single heraus: „You Really Got Me„. Das schlug ein. Und wie.

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Hunde, Obst und surfende Vögel

Before Punk: Elvis und Co.

Was ist Punk Rock? Anarchie und Aggression, Reduktion und Subversion. Ein Blick zurück in die Rock-Geschichte zeigt, dass das alles bereits in den 50ern und frühen 60ern Jahren seinen Ursprung hat. Am Anfang war Elvis.

Niemand weiß zu sagen, wann genau der Punk Rock erfunden wurde. Ebensowenig wie der Rock and Roll. Doch klar ist, dass Punk Rock auf dem Garagen-Rock aufbaute und dieser im Rock and Roll seine Ursprünge hat. Und vielleicht, wenn man ein Datum suchen müsste, vielleicht wäre ja der 5. Juni 1956 ein heißer Kandidat. Denn an diesem Tag spielte der 21-jährige Elvis Presley zum ersten Mal den Song „Hound Dog“ im Fernsehen, in der Milton Berle Show. Die Szene ist legendär, man kennt sie in der Kurzfassung spätestens aus dem Film Forrest Gump. Sie wirkt unschuldig und wird vielleicht auch belächelt. Ein Junge mit Schmalztolle und zu großem Sakko, der an einem Mikrofon herumhampelt, während seine dreiköpfige Combo in Anzügen eine simple Musik spielt – was soll daran bitte Punk, Revolution sein? Man muss versuchen, diese Szene durch die Brille der 50er Jahre zu sehen: Eine spießige Nachkriegsgesellschaft, angsterfüllt, ja paranoid, dass an jeder Ecke Kommunisten und andere Staatsfeinde lauern. Ein Junge, der im Fernsehen mit den Hüften wackelt und Rhythm and Blues singt, wirkt schnell gemeingefährlich.

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Messias am Boden

Before Punk: The Stooges

Metallic K.O.

Vor 40 Jahren haben The Stooges ihr (vorerst) letztes Konzert gespielt. Es war ein Desaster: Das Publikum bewarf die Band mit Gegenständen und pöbelte, der Sänger und Bandleader, Iggy Pop, pöbelte zurück. Die Band war am Ende. Aber die Saat, die sie gesät hatte, war bereits auf fruchtbaren Boden gefallen. Aus der Asche der Stooges ging der Punkrock hervor.

Es soll wie im Krieg zugegangen sein, an jenem Abend des 9. Februar 1974. Die Stooges standen auf der Bühne im Michigan Palace, einem alten Kino, und lieferten sich einen Kampf mit dem Publikum. Die Menge warf Flaschen, Gläser, Münzen, Zigaretten, aber auch Graspäckchen auf die Bühne, während die Band um ihr Leben spielte. Iggy Pop, dem Sänger, war es egal. Jedenfalls gab er sich alle Mühe, es so aussehen zu lassen. Er war Schmerzen gewohnt, er zog sein Ding durch, wie er es immer tat, und übte sich in der Kunst der Publikumsbeschimpfung – was die Menge nur noch mehr anstachelte, weiteres Zeug – wie etwa Eier – auf die Bühne zu schmeißen. Es muss übel gewesen sein, richtig übel.

Heute gelten Iggy und die Stooges als Pioniere des Punkrock. Doch zur Zeit ihres Bestehens seit Ende der 60er bis zu jenem Tag im Jahr 1974 hat die breite Masse noch nicht die Zeichen der Zeit gehört. Drei erfolglose Alben brachten die Stooges zustande, heute allesamt Klassiker. Eine raue, im wahrsten Sinne des Wortes primitive Musik, eingängige Riffs und wenige Akkorde, die zelebrierte Monotonie. Iggy Pop (bürgerlich James Osterberg) riss sich regelrecht den Arsch auf, er ging an die Grenzen der Belastbarkeit: Drogen ohne Ende, Verrenkungen auf der Bühne, Selbstverletzungen mit Scherben und Drumsticks – das alles gehörte zur Show, das alles schrie nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, doch zum Schluss muss es für die meisten Zeugen dieser Darbietungen nur noch verzweifelt und erbärmlich gewirkt haben.

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