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Der Dieb der Unsterblichkeit

Scott Snyder/Jeff Lemire: A.D. After Death

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Jonah Cooke ist ein Dieb, der alles stehlen kann. Kunstwerke, Klaviere, sogar Raumkapsel aus 2001 hat er in seinem Depot. Einmal schafft er es sogar, eine verbotene Farbe zu stehlen, doch seine größte Errungenschaft ist der Diebstahl, oder besser die Entführung einer ganz besonderen Frau namens Claire. Diese Frau leidet unter einer Krankheit, die ihre Organe in unterschiedlichem Tempo altern. Doch ihr Leiden verspricht das Ende des ältesten Leidens der Menschheit: den Tod.

Und tatsächlich: In einem Refugium in den Bergen besiegen Wissenschaftler mit Hilfe von Claire den Tod. Zugleich wird alles Leben von einem unaufhaltsamen Organismus vernichtet. Es bleiben nur ein paar Tausend Menschen übrig, die die Seuche überlebt haben – und immer weiterleben. Doch über 600 Jahre nach dem Tod entdeckt Jonah einen Hinweis darauf, dass da unten noch Leben sein könnte. Er entführt die immer noch kranke Claire erneut und macht sich mit ihr im Gepäck auf eine gefährliche Reise.

A.D. After Death, ein Gemeinschaftswerk von Autor Scott Snyder (Batman, The Wake, Wytches) und Zeichner Jeff Lemire, ist nur zum Teil ein Comic, überwiegend ist es ein illustriertes Prosawerk. Wir lesen die Erinnerungen von Jonah von frühester Kindheit an, wie seine Mutter starb, als er ein Kind war, und dabei auch ihr ungeborenes Baby. Wie er mit seiner Mutter in fremde Häuser einstieg, wie er anfing zu stehlen und sich zum Meisterdieb steigerte, bis er von einem Millionär den Auftrag bekam, der dazu führte den Tod zu überwinden. Im Laufe des Textes wird klar, dass Jonahs Erinnerung schwindet, weil er mit jedem neuen Lebenszyklus vergisst.

Es ist eine starke, eindringliche Prosa, die Snyder hier abliefert, aber auch eine, die teilweise zu sehr ausufert. Wenn man die Textpassagen als Rückblenden eines Science-Fiction-Comics liest, könnte man in den zu detaillierten Schilderungen der Vergangenheit und Reflexionen die Geduld verlieren. Da sie aber den Hauptteil des Buchs ausmachen, wirken eher die Comic-Sequenzen wie Beiwerk. Die Entscheidung, das Werk so aufzuteilen, leuchtet auch nicht ganz ein: Manchmal liest man sich durch Bleiwüsten, manchmal bleibt sehr viel Leerraum, weil nur ein kleiner Teil der Seite mit Text oder Illustration bedruckt ist. Während es also manchmal wie eine Verschwendung von Worten erscheint, wird an anderer Stelle Platz verschwendet.

Verschwenden sie aber auch unsere Zeit? Das nicht, denn die Snyder und Lemire erzählen eine interessante wie bildstarke Geschichte, die ebenso fesselt wie nachdenklich macht und mit einer überraschenden Wendung endet. Nur die Ausführung überzeugt, trotz handwerklicher Stärken, eben nicht ganz.

>> Scott Snyder/Jeff Lemire: A.D. After Death, Image 2017. (Keine deutsche Ausgabe.)

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