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Voldemort oder die Angst vor Wörtern

In einer berühmten siebenbändigen Kinderbuchreihe um einen jungen Zauberer, geschrieben von einer Britin mit einem „K.“ in der Mitte des Namens, gibt es einen Schurken, einen bösen Zauberer, der anfangs so gefürchtet und tabuisiert ist, dass niemand auch nur wagt, seinen Name auszusprechen – und das obwohl der Zauberer seit Jahren totgeglaubt ist. Allein die Angst vor dem Namen ist so groß, dass man stattdessen nur von „Du weißt schon wer“ oder „Er, dessen Name nicht genannt werden darf“ spricht. Und jedes Mal wenn der naive Held, der in seiner Filterblase nichts von den Taten des Schurken und den Sprachregelungen mitbekommen hat, dann doch den wahren Namen ausspricht, löst er Angstzustände in seinem Umfeld aus. Man zuckt zusammen.

Die weibliche und sehr kluge Hauptfigur sagt dazu im ersten Band: „Angst vor einem Namen macht nur noch größere Angst vor der Sache selbst.“ („Fear of a name only increases fear of the thing itself.“) Die siebenbändige Buchreihe handelt vor allem davon, diese Angst zu überwinden und damit auch den Schurken zu besiegen. Wenn der böse Zauberer wiederkehrt, wird seine Existenz geleugnet, auch wenn die Anzeichen unverkennbar sind, das bedeutet: auch wenn Menschen sterben. Die Gefahr wird kleingeredet – bis die Schreckensherrschaft wieder beginnt.

Verbotene Wörter

Sprachtabus gehören zu jeder Sprache dazu. Es gibt Dinge, die sagt man einfach nicht, weil es sich nicht gehört. Wenn man es doch tut, muss es dafür gute Gründe geben. Man flucht etwa, wenn man sich ärgert. In einer monotheistischen Religion spricht man nicht den Namen Gottes aus, in anderen ist das aber üblich, aber nicht den Namen seines Gegenspielers – jede Religion hat ihre eigenen Tabus. Ansonsten gelten heute in den Sprachen freier Gesellschaften aber nur Beleidigungen als Tabu. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie aus dem Wörterbuch gestrichen werden. Es sind Wörter, die man nicht benutzen sollte, aber benutzen kann. Sie sind nicht schön, aber wer hat noch niemals geflucht? Und jeder weiß: Es gibt einen Unterschied, wie man ein Wort benutzt. Ob man jemanden mit einem Wort bezeichnet, also beleidigt, oder lediglich das Wort ausspricht, indem man etwa zitiert, was jemand gesagt hat.

Sprache ändert sich ständig. Und so gibt es in der Sprache immer mehr veraltete Wörter, zum Beispiel Bezeichnungen für bestimmte Menschengruppen, die nicht mehr angemessen sind, wie etwa Wörter für die Ureinwohner Amerikas. Immer mehr verpönt sind diese Begriffe, wenn auch nicht verboten. Anders verhält es sich mit dem berüchtigten N-Wort, immer mehr auch mit dem M-Wort, die von den Betroffenen nicht nur als Beleidigung aufgefasst, sondern auch in jeglichem Kontext ungern gesehen oder gehört werden. Daher meidet man sie immer mehr.

Nun ist es ein Leichtes, eine Süßigkeit, eine Apotheke oder eine Straße ohne Verlust umzubenennen. Auch wenn sich immer noch Menschen dagegen sperren: Ein Name ändert ja nichts an der Sache selbst. Die Apotheken und Straßen bleiben erhalten. Und doch geht es noch weiter: Das Wort soll gar nicht mehr auftauchen, auch nicht, um die gegenwärtigen Namen von Straßen oder Apotheken zu bezeichnen, etwa in der Berichterstattung, auch dann nicht, wenn es sich um ein Zitat handelt, wenn ein Mensch von öffentlichem Interesse sich im Wort vergriffen hat. Es ist das Wort, das offenbar so schrecklich ist, dass es nicht genannt werden darf. Es scheint mittlerweile wie das Ultimative „Du-weißt-schon-was-gemeint-ist“.

Der Vergleich mit dem bösen Zauberer scheint zu hinken, weil er der Schurke ist, während es hier um den Schutz von Opfern geht, oder besser gesagt: Menschen gar nicht erst zu Opfern zu machen. Aber der Vergleich zielt nicht auf die Menschen, sondern auf den Rassismus. Er ist der Feind, der bekämpft werden soll, indem bestimmte Wörter tabuisiert werden. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass der Rassismus verschwindet, wenn die Wörter verschwinden, die ihm Ausdruck verleihen.

Das unerwünschte Wort bleibt – und tritt hervor

Das funktioniert aber nicht aus drei Gründen: Erstens verschwindet die Sache nicht, wenn man Wörter tilgt. Ja, Sprache hat zwar Einfluss und kann auch Macht haben, sie kann eine Waffe sein: Sie kann Menschen verletzen. Aber am Ende sind die einzigen Wörter, die töten können, Schießbefehle und Todesurteile. Am Ende ist Sprache eben auch nur Sprache, es sind nur Wörter, sie sind nicht die Sache selbst. Sprache ist nicht das zentrale Problem. Mit ihr fängt nicht alles an und sie ist auch nicht Grenze des Denkens. Sie drückt nur das Problem aus.

Zweitens: Selbst wenn ein Wort verschwindet oder in Vergessenheit gerät, werden sich immer neue Wörter finden, um andere Menschen zu verletzen und auszugrenzen. Das Problem bleibt bestehen.

Drittens: Das Hauptargument gegen die Verwendung bestimmter Wörter ist, dass mit ihnen Implikationen und Stereotype transportiert werden und erhalten bleiben. Aber das ist ein vergebliches Bemühen, denn das Wort ist da und wird auch bleiben. Nicht nur in der Geschichte, in der Literatur, in der Kunst der Vergangenheit, es wird auch ständig wiederholt in modernen Filmen, TV-Serien und im Hip-Hop. Zu sagen, als (ironische) Selbstbezeichnung sei es etwas anderes, ein Akt von Selbstermächtigung, als Fremdbezeichnung sei es aber tabu, verkennt dabei, dass das Wort trotzdem immer wieder auch den Weg in die Ohren nicht direkt Betroffener findet. Das Tabu ist also inkonsequent.

Die Sache beim Namen nennen

Das alles ist kein Plädoyer dafür, beleidigende Ausdrücke salonfähig zu machen, mögen sie mit N oder M oder E oder I oder Z beginnen. Selbstverständlich sollte man den Wunsch respektieren, Menschen nicht so zu nennen, wie sie nicht mehr genannt werden wollen. Aber es gibt einen fundamentalen Unterschied bei Sprechakten: Es ist etwas anderes, jemanden mit einem Wort zu bezeichnen und nur ein Wort nur auszusprechen.

Daher muss es möglich sein, alle Wörter nennen zu können, vor allem in Zitaten. Es darf nicht so weit gehen, dass selbst Medien ein umstrittenes Gemälde nicht mehr bei seinem Titel nennen. Wenn Politiker eine kontroverse Aussage machen, dann wird diese jedes Mal zitiert, damit man sich eine Meinung dazu bilden kann, außer es fällt das ungeliebte Wort. Dann wird es abgekürzt, aber mit einem erklärenden Satz versehen, für alle, die eben nicht wissen, was gemeint ist. Der Aufwand der Selbstzensur ist größer, als das gesagte Wort selbst in Anführungszeichen zu nennen, um sich davon zu distanzieren.

Der journalistische Grundsatz, zu „sagen, was ist“ sowie „Ross und Reiter“ zu benennen, wird geopfert für Verschleierung, die man sonst zu Recht angekreidet bekommt, wenn man vage bleibt, sich ins „man“ oder ins Passiv flüchtet. Ein Zitat bedeutet nicht, sich mit einer Sache gemein zu machen. Im Gegenteil: Es drückt Distanz aus. Dafür wurden Anführungszeichen erfunden.

Was für Leser entsteht, ist eine Lücke. Und Lücken machen erst recht auf eine Sache aufmerksam. Der Name des bösen Zauberers ist hat nur drei Silben. „Du weißt schon wer“ hat vier. „Er, dessen Name nicht genannt werden darf“ räumt ihm viel mehr Platz ein, als ihm eigentlich zustehen sollte. Und eine Lücke im Text lädt erst recht dazu ein, sie zu füllen. Was getilgt werden soll, wird so hervorgehoben, weil es mehr auffällt und weil es den Leser dazu bringt, die Lücke selbst zu schließen. Je stärker der Rezipient mitwirkt, umso größer der Effekt auf ihn. Mehr Macht kann man dem Wort nicht geben.

Der Sonderfall

Das Seltsame ist: Das Wort bildet kurioserweise einen Sonderfall. Allerdings macht es Schule. So ist bereits auch vom „Z-Wort“ die Rede. Spätestens wenn das gesamte Alphabet belegt ist, wird es unübersichtlich. Doch auch bei diesen Ausdrücken ist man inkonsequent: Seit Jahren wird über Kirchenreliefs diskutiert, das einen weiblichen Paarhufer zeigt, das Menschenkinder säugt. Obwohl das Wort, das es bezeichnet, (wie das Relief) eine Beleidigung und Ausdruck antisemitischer Propaganda ist, wird es in der Berichterstattung immer wieder verwendet (auch in der jüdischen Presse). Das Wort wird nicht umschrieben oder abgekürzt. Man distanziert sich in Anführungszeichen davon. Das genügt offenbar – und ist journalistisch einwandfrei. Es wäre absurd, es nicht zu nennen.

Dann gibt es noch tatsächlich verbotene Ausdrücke, wie etwa einen Gruß, der in den 30er- und 40er-Jahren in Mitteleuropa üblich war, besonders in dem Land, in dem wir heute leben. So noch zu grüßen, stellt (zu Recht) eine Straftat da. Den Gruß in Anführungszeichen in einem Geschichtsbuch oder einem literarischen Text zu verwenden, ist jedoch erlaubt und gilt auch nicht als moralische Verfehlung. Es kommt auf den Kontext an.

Die Herausforderung besteht also nicht darin, Wörter zu streichen und (Kinder-)Bücher umzuschreiben, zu verbannen (wie in den USA üblich) oder nicht mehr zu lesen, Bilder abzuhängen oder Titel zu ändern. Denn aller utopischen Hoffnung zum Trotz ist es so: Das unerwünschte Wort bleibt. Daher besteht die Herausforderung in einem angemessenen, also kritischen Umgang damit – aber das setzt einen Umgang voraus. Doch wenn man jegliche Verwendung für unmöglich erklärt, macht man nicht nur eine Auseinandersetzung damit (und allem, was damit zusammenhängt) unmöglich, sondern man macht das Wort auch größer, als es sein sollte. Die Radikalität der Forderung, es unter gar keinen Umständen auszusprechen, unterbindet den Diskurs.

Tretmühle der Beschönigungen

Es geht auch anders. Früher galt eine bestimmte Bezeichnung Homosexueller als Beleidigung. Heute ist es das neutrale Wort dafür. Warum? Weil Homosexuelle es für sich verwendet haben – die Flucht nach vorn hat es neutralisiert. (Was natürlich nichts daran ändert, dass es immer noch Schimpfwörter und Homophobie gibt.) Das hat mit anderen Wörtern nicht funktioniert. Gewisse Begriffe galten früher als neutral, bis die Betroffenen sie nicht mehr wollten und sie durch andere Selbstbezeichnungen ersetzten.

Das zeigt eine andere Dynamik, die der Psychologe Steven Pinker eine „Euphemismus-Tretmühle“ nennt:

„Man erfindet neue Wörter für emotional besetzte Referenten, doch schon bald färbt der Euphemismus mit Assoziationen ein, und ein neues Wort muss her, das kurz darauf seine eigenen Konnotationen annimmt und so fort. (…) Die Euphemismus-Tretmühle zeigt, dass Begriffe und nicht Wörter im Geist der Menschen primär sind. Geben Sie einem Begriff einen neuen Namen, und der Name wird vom Begriff eingefärbt; der Begriff hingegen wird durch den Namen nicht aufgefrischt, zumindest nicht lange. Namen von Minderheiten werden sich verändern, solange die Menschen ihnen gegenüber negative Einstellungen haben. Erst wenn die Namen sich nicht mehr verändern, können wir gewiss sein, dass wir es zu gegenseitiger Achtung gebracht haben.“ (Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt, Fischer 2017, S. 301f.)

Pinker spricht sich gegen den linguistische Determinismus aus: Nicht Wörter, sondern Begriffe sind für Menschen prägend. Das ist ein wichtiger Unterschied, den leider übersehen wird. Das zeigt auch, dass die Macht von Sprache begrenzt ist. Sprache ist nicht das Gleiche wie Denken. Sprache prägt nicht so sehr das Denken wie das Denken die Sprache.

Selbstzensur von Wörtern ist das Feigenblatt der Moralisten. Man spricht eine Abkürzung aus und denkt, man hätte seinen symbolischen Beitrag für die gute Sache und gegen die schlechte geleistet. Die Selbstgerechtigkeit geht aber so weit, dass man meint, guten Gewissens andere dafür zu verurteilen, wenn sie es doch tun, völlig unabhängig vom Kontext und der Intention. Jedes Mal, wenn die Debatte darum wieder entsteht, zeigt sich, dass sie vor allem emotional, also irrational geführt wird.

Wir sind täglich einer Flut von Worten ausgesetzt, die uns Angst machen. Nicht, weil sie per se schlecht wären, sondern weil ihr Inhalt verstörend ist: Wir lesen über rassistische Übergriffe, Kriege, Krankheiten, Katastrophen, Klimakrise. Das alles macht uns zu Recht Angst. Aber es sind die Dinge selbst, nicht die Worte, vor denen wie uns fürchten. Es gibt keinen Grund, Angst vor Wörtern haben. Man muss nicht alle verwenden (und sie auch nicht überstrapazieren), aber man kann nicht leugnen, dass sie existieren. Angst vor Wörtern macht nur noch größere Angst vor der Sache selbst. Fürchten wir uns also lieber vor dem, was am meisten fürchtenswert ist: dem Menschen, mit all seinem vorschnellen Denken, das zu Kurzschlüssen und Fehlentscheidungen, zu Vorurteilen, Misstrauen und Hass führt. Beseitigen wir Voldemort. Fangen wir bei uns selbst an.

Frankfurter Fragmente #1: Geschwisterlichkeit

Titanic-Aktion bei Anti-Fragida-Demo in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Aktion von Die PARTEI bei der Anti-Fragida-Demo in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Am 26. Januar soll in Frankfurt am Main eine große Kundgebung stattfinden. Das Ziel ist ehrenwert: Es geht darum, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamophobie usw. einzutreten, also eine Art Anti-Pegida oder in diesem Fall Anti-Fragida zu veranstalten. (Auch wenn die bislang rudimentäre Fragida-Gruppe nach einem großen Protest schmollend aufgegeben hat.) Das Motto der Kundgebung: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“. – Wie bitte? Moment mal, was ist mit der guten alten Brüderlichkeit geworden, der dritten französischen Kardinalstugend seit der großen Revolution? Die ist abgeschafft. Denn für eine integrative (oder gar inklusive) Demo ziemt es sich offenbar nicht, in den Verdacht zu geraten, Schwestern auszuschließen. Das verträgt sich nicht mit dem Gleichheitsgedanken. Also sollen wir jetzt alle Geschwister sein.

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Kurze Sätze gefährden die geistige Gesundheit

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, jenes ehrwürdige Blatt deutscher Traditionalisten, das, weil es keine neuen Abonnenten gewinnen kann, wenigstens seine Stammleserschaft zu pflegen versucht, indem es immer wieder den Niedergang der westlichen oder wenigstens der deutschen Kultur verkündet, beklagt in ihrer heutigen Ausgabe – genauer gesagt in der Glosse des Feuilletons – den Niedergang des Schachtelsatzes. Der Häppchen-Logik folgend stünden „derzeit“ – respektive heutzutage oder in dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt, daß es die letzte sei) – wohin der Leser auch blicke, also „überall“, nur noch knappe Sätze. Statt Adjektiven, Substantiven und Passivkonstruktionen gebe es nur noch starke Verben und Stummelsyntax, und um das am besten zu veranschaulichen bemüht die Frankfurter Allgemeine Zeitung (kurz: FAZ genannt) den guten alten Thomas Mann, der für seinen steifärschigen Schachtelstil bekannt, berühmt, berüchtigt und gefürchtet ist.

Man nimmt also einen langen Satz – beispielsweise aus den nobelgepreisten Buddenbrooks – und zerhacke ihn in seine Einzelteile, schon sollte auch dem dümmsten Leser klar werden – und davon hat die FAZ (wenigstens dem eigenen Anspruch nach) nicht viele -, dass hier Schindluder mit der Sprache getrieben wird, dass das Kurze gut ist für die Dummen aber schlecht für die FAZ-Leser, gemäß dem Motto, dass man das Bedeutende, das Wichtige, sprich Gewichtige, an seiner Schwere erkennt, während das Simple mit seiner geradezu lachhaften Unterkomplexität die Gesundheit des Geistes gefährde, weil die Welt nun mal komplex sei und man das auch mindestens ebenso komplex (am besten komplexer!) ausdrücken müsse, weil dann nämlich niemand etwas versteht und sich jeder seins dabei denken kann und sich die wenigen, die sich da durch mühen, am Ende aufatmen und triumphal herausrufen können: geschafft! – Einfach kann ja jeder.

Und der Leser, welcher bis hier dieses aufgeblasene Geschwätz durchgehalten hat, wird das sofort einsehen, ein FAZ-Abo abschließen, um sich folglich täglich mit einem Wälzer von Zeitung zu kasteien, der seine Leser mit hochtrabenden Bandwurmsätzen zu erwürgen droht und das auch noch für einen Beitrag zur Erhaltung der Sprachkultur sieht, als eine Art intellektuelle Bürgerwehr gegen die Barbarei der einfachen, klaren und anschaulichen Sprache, die unsere Kinder verrohen und nur noch auf Steinzeitniveau in verstümmelten Sprachfetzen twittern und whatsappen lässt. „Dagegen muss etwas getan werden“, schreibt die FAZ in aller Kürze – und klingt dabei so banal und primitiv wie bleilastige Snobs an ihren Stammtischen nur klingen können.

Berliner Fragmente #36: Regeln

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Jede Gesellschaft braucht Regeln – außer die der Künstler und Autoren. Zwar ist das Schreiben ein Handwerk, aber im Gegensatz zu der Technik eines Schneiders, der genau lernt, wie man Kleidung näht, ist der Schreibers weder im Werdegang noch in seiner Technik festgelegt. Die Regelpoetik ist ausgestorben, die letzte stammt aus dem 18. Jahrhundert. Dann kamen die Originalgenies und warfen alle Regeln der Literatur über den Haufen. Das gilt heute auch für journalistische Texte. Bei der Nachricht ist man sich noch weitgehend einig, wie so etwas aussehen soll. Doch bei allen anderen Formen herrscht Narrenfreiheit.

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Berliner Fragmente #32: man

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Im Deutschen kann man „man“ sagen – und damit alle meinen. Das Personalpronomen ist unbestimmt: er, sie, es – man. So weit, so gut. Doch immer wieder meinen einige Autoren (ihre Zahl ist Legion), dass man doch eigentlich witzigerweise passender „Mann“ – oder „man(n)“ – schreiben müsse, weil doch „der Mann an und für sich“ gemeint sei und das ein lustiges Wortspiel ergäbe, dessen Doppeldeutigkeit bestimmt einiges Schmunzeln beim Leser hervorrufen und dem Autor vielleicht sogar besonderes Lob für seine Beobachtungsgabe und Urteilskraft einbringen könnte. In diesem Stil stand im Tagesspiegel jüngst der Satz: „Bei Billy, dem Regal, muss Mann sich behaupten, bis alles steht“ (17.10.2014, S. 1). An dieser Stelle wird Beifall geheischt: Mann, da ist was dran!, soll man sagen.

Und dann gibt es die anderen, die schreiben „man (und Frau)“ oder gleich „frau“ und meinen damit das Personalpronomen „man“. Weil das aber wie „Mann“ klingt und fast genauso aussieht, fühlen sich die Autoren (oder Autorinnen?) genötigt, klarzustellen, dass man (also sie) nicht die Gemeinschaft aller Männer, sondern aller Frauen meint. Genau, Frau!

Leider geht dieses alberne Spielchen – witzig ist das schon lange nicht mehr – auf Kosten der Sprache: „Mann geht gerne in den Baumarkt“ ist falsches Deutsch, es fehlt der Artikel, ebenso wie „frau geht gerne zum Friseur“, das ist auch noch falsch geschrieben. Aber zu schreiben: Der Mann (an und für sich) gehe gerne in Baumärkte und die Frau (an und für sich) zum Friseur macht den Schwachsinn nicht klüger. Geschlechterbewusstsein schützt noch lange nicht davor, in Klischeefallen zu tappen. Und wem „man“ zu diskriminierend klingt, der nenne Mann, Frau, Kind oder Teufel besser beim Namen.

Berliner Fragmente #27: Stil

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Es gibt Irrtümer, die sind wie Unkraut: So schnell sie sich verbreiten, so schwer sind sie auszurotten. Einer dieser renitentesten und ärgerlichsten Irrtümer ist die gemeine Auffassung über den Stil. Gemeint ist nicht Geschmack im Sinne von Mode und Kunst, sondern der gute schriftliche Ausdruck. Dieser Stil hat nichts mit Geschmack zu tun, es geht nicht darum, was gefällt, sondern was funktioniert.

Schreiben ist ein Handwerk: man kann seine Prinzipien erlernen und anwenden wie ein Klempner eine Toilette repariert. Manche aber bilden sich ein, sie hätten einen „eigenen Stil“, der sei Ausdruck ihrer Persönlichkeit und daher so sakrosankt wie ein Tabernakel oder ein Generalkonsulat. Und so hegen und pflegen sie ihr Unkraut, als wäre es ihr Allerheiligstes, während es unförmig wuchert und wilde Blüten treibt: das Ungenaue, die hohlen Phrasen, die Klischees, das sperrige Beamtendeutsch, die schiefen Bilder. Solche Stümper ziehen ein Monstrum heran und ahnen es nicht mal. Doch wehe, man stellt es infrage. Dann sind sie beleidigt und verteidigen es bis aufs Blut. Es befällt den Verstand, man wird resistent gegen Argumente und verbarrikadiert sich im Trotz.

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