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Frankfurter Fragmente #1: Geschwisterlichkeit

Titanic-Aktion bei Anti-Fragida-Demo in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Aktion von Die PARTEI bei der Anti-Fragida-Demo in Frankfurt (Foto: Lukas Gedziorowski)

Am 26. Januar soll in Frankfurt am Main eine große Kundgebung stattfinden. Das Ziel ist ehrenwert: Es geht darum, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamophobie usw. einzutreten, also eine Art Anti-Pegida oder in diesem Fall Anti-Fragida zu veranstalten. (Auch wenn die bislang rudimentäre Fragida-Gruppe nach einem großen Protest schmollend aufgegeben hat.) Das Motto der Kundgebung: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“. – Wie bitte? Moment mal, was ist mit der guten alten Brüderlichkeit geworden, der dritten französischen Kardinalstugend seit der großen Revolution? Die ist abgeschafft. Denn für eine integrative (oder gar inklusive) Demo ziemt es sich offenbar nicht, in den Verdacht zu geraten, Schwestern auszuschließen. Das verträgt sich nicht mit dem Gleichheitsgedanken. Also sollen wir jetzt alle Geschwister sein.

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Kurze Sätze gefährden die geistige Gesundheit

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, jenes ehrwürdige Blatt deutscher Traditionalisten, das, weil es keine neuen Abonnenten gewinnen kann, wenigstens seine Stammleserschaft zu pflegen versucht, indem es immer wieder den Niedergang der westlichen oder wenigstens der deutschen Kultur verkündet, beklagt in ihrer heutigen Ausgabe – genauer gesagt in der Glosse des Feuilletons – den Niedergang des Schachtelsatzes. Der Häppchen-Logik folgend stünden „derzeit“ – respektive heutzutage oder in dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt, daß es die letzte sei) – wohin der Leser auch blicke, also „überall“, nur noch knappe Sätze. Statt Adjektiven, Substantiven und Passivkonstruktionen gebe es nur noch starke Verben und Stummelsyntax, und um das am besten zu veranschaulichen bemüht die Frankfurter Allgemeine Zeitung (kurz: FAZ genannt) den guten alten Thomas Mann, der für seinen steifärschigen Schachtelstil bekannt, berühmt, berüchtigt und gefürchtet ist.

Man nimmt also einen langen Satz – beispielsweise aus den nobelgepreisten Buddenbrooks – und zerhacke ihn in seine Einzelteile, schon sollte auch dem dümmsten Leser klar werden – und davon hat die FAZ (wenigstens dem eigenen Anspruch nach) nicht viele -, dass hier Schindluder mit der Sprache getrieben wird, dass das Kurze gut ist für die Dummen aber schlecht für die FAZ-Leser, gemäß dem Motto, dass man das Bedeutende, das Wichtige, sprich Gewichtige, an seiner Schwere erkennt, während das Simple mit seiner geradezu lachhaften Unterkomplexität die Gesundheit des Geistes gefährde, weil die Welt nun mal komplex sei und man das auch mindestens ebenso komplex (am besten komplexer!) ausdrücken müsse, weil dann nämlich niemand etwas versteht und sich jeder seins dabei denken kann und sich die wenigen, die sich da durch mühen, am Ende aufatmen und triumphal herausrufen können: geschafft! – Einfach kann ja jeder.

Und der Leser, welcher bis hier dieses aufgeblasene Geschwätz durchgehalten hat, wird das sofort einsehen, ein FAZ-Abo abschließen, um sich folglich täglich mit einem Wälzer von Zeitung zu kasteien, der seine Leser mit hochtrabenden Bandwurmsätzen zu erwürgen droht und das auch noch für einen Beitrag zur Erhaltung der Sprachkultur sieht, als eine Art intellektuelle Bürgerwehr gegen die Barbarei der einfachen, klaren und anschaulichen Sprache, die unsere Kinder verrohen und nur noch auf Steinzeitniveau in verstümmelten Sprachfetzen twittern und whatsappen lässt. „Dagegen muss etwas getan werden“, schreibt die FAZ in aller Kürze – und klingt dabei so banal und primitiv wie bleilastige Snobs an ihren Stammtischen nur klingen können.

Berliner Fragmente #36: Regeln

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Jede Gesellschaft braucht Regeln – außer die der Künstler und Autoren. Zwar ist das Schreiben ein Handwerk, aber im Gegensatz zu der Technik eines Schneiders, der genau lernt, wie man Kleidung näht, ist der Schreibers weder im Werdegang noch in seiner Technik festgelegt. Die Regelpoetik ist ausgestorben, die letzte stammt aus dem 18. Jahrhundert. Dann kamen die Originalgenies und warfen alle Regeln der Literatur über den Haufen. Das gilt heute auch für journalistische Texte. Bei der Nachricht ist man sich noch weitgehend einig, wie so etwas aussehen soll. Doch bei allen anderen Formen herrscht Narrenfreiheit.

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Berliner Fragmente #32: man

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Im Deutschen kann man „man“ sagen – und damit alle meinen. Das Personalpronomen ist unbestimmt: er, sie, es – man. So weit, so gut. Doch immer wieder meinen einige Autoren (ihre Zahl ist Legion), dass man doch eigentlich witzigerweise passender „Mann“ – oder „man(n)“ – schreiben müsse, weil doch „der Mann an und für sich“ gemeint sei und das ein lustiges Wortspiel ergäbe, dessen Doppeldeutigkeit bestimmt einiges Schmunzeln beim Leser hervorrufen und dem Autor vielleicht sogar besonderes Lob für seine Beobachtungsgabe und Urteilskraft einbringen könnte. In diesem Stil stand im Tagesspiegel jüngst der Satz: „Bei Billy, dem Regal, muss Mann sich behaupten, bis alles steht“ (17.10.2014, S. 1). An dieser Stelle wird Beifall geheischt: Mann, da ist was dran!, soll man sagen.

Und dann gibt es die anderen, die schreiben „man (und Frau)“ oder gleich „frau“ und meinen damit das Personalpronomen „man“. Weil das aber wie „Mann“ klingt und fast genauso aussieht, fühlen sich die Autoren (oder Autorinnen?) genötigt, klarzustellen, dass man (also sie) nicht die Gemeinschaft aller Männer, sondern aller Frauen meint. Genau, Frau!

Leider geht dieses alberne Spielchen – witzig ist das schon lange nicht mehr – auf Kosten der Sprache: „Mann geht gerne in den Baumarkt“ ist falsches Deutsch, es fehlt der Artikel, ebenso wie „frau geht gerne zum Friseur“, das ist auch noch falsch geschrieben. Aber zu schreiben: Der Mann (an und für sich) gehe gerne in Baumärkte und die Frau (an und für sich) zum Friseur macht den Schwachsinn nicht klüger. Geschlechterbewusstsein schützt noch lange nicht davor, in Klischeefallen zu tappen. Und wem „man“ zu diskriminierend klingt, der nenne Mann, Frau, Kind oder Teufel besser beim Namen.

Berliner Fragmente #27: Stil

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Es gibt Irrtümer, die sind wie Unkraut: So schnell sie sich verbreiten, so schwer sind sie auszurotten. Einer dieser renitentesten und ärgerlichsten Irrtümer ist die gemeine Auffassung über den Stil. Gemeint ist nicht Geschmack im Sinne von Mode und Kunst, sondern der gute schriftliche Ausdruck. Dieser Stil hat nichts mit Geschmack zu tun, es geht nicht darum, was gefällt, sondern was funktioniert.

Schreiben ist ein Handwerk: man kann seine Prinzipien erlernen und anwenden wie ein Klempner eine Toilette repariert. Manche aber bilden sich ein, sie hätten einen „eigenen Stil“, der sei Ausdruck ihrer Persönlichkeit und daher so sakrosankt wie ein Tabernakel oder ein Generalkonsulat. Und so hegen und pflegen sie ihr Unkraut, als wäre es ihr Allerheiligstes, während es unförmig wuchert und wilde Blüten treibt: das Ungenaue, die hohlen Phrasen, die Klischees, das sperrige Beamtendeutsch, die schiefen Bilder. Solche Stümper ziehen ein Monstrum heran und ahnen es nicht mal. Doch wehe, man stellt es infrage. Dann sind sie beleidigt und verteidigen es bis aufs Blut. Es befällt den Verstand, man wird resistent gegen Argumente und verbarrikadiert sich im Trotz.

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