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Berliner Fragmente #36: Regeln

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Jede Gesellschaft braucht Regeln – außer die der Künstler und Autoren. Zwar ist das Schreiben ein Handwerk, aber im Gegensatz zu der Technik eines Schneiders, der genau lernt, wie man Kleidung näht, ist der Schreibers weder im Werdegang noch in seiner Technik festgelegt. Die Regelpoetik ist ausgestorben, die letzte stammt aus dem 18. Jahrhundert. Dann kamen die Originalgenies und warfen alle Regeln der Literatur über den Haufen. Das gilt heute auch für journalistische Texte. Bei der Nachricht ist man sich noch weitgehend einig, wie so etwas aussehen soll. Doch bei allen anderen Formen herrscht Narrenfreiheit.

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Berliner Fragmente #32: man

Foto: Lukas Gedziorowski

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Im Deutschen kann man „man“ sagen – und damit alle meinen. Das Personalpronomen ist unbestimmt: er, sie, es – man. So weit, so gut. Doch immer wieder meinen einige Autoren (ihre Zahl ist Legion), dass man doch eigentlich witzigerweise passender „Mann“ – oder „man(n)“ – schreiben müsse, weil doch „der Mann an und für sich“ gemeint sei und das ein lustiges Wortspiel ergäbe, dessen Doppeldeutigkeit bestimmt einiges Schmunzeln beim Leser hervorrufen und dem Autor vielleicht sogar besonderes Lob für seine Beobachtungsgabe und Urteilskraft einbringen könnte. In diesem Stil stand im Tagesspiegel jüngst der Satz: „Bei Billy, dem Regal, muss Mann sich behaupten, bis alles steht“ (17.10.2014, S. 1). An dieser Stelle wird Beifall geheischt: Mann, da ist was dran!, soll man sagen.

Und dann gibt es die anderen, die schreiben „man (und Frau)“ oder gleich „frau“ und meinen damit das Personalpronomen „man“. Weil das aber wie „Mann“ klingt und fast genauso aussieht, fühlen sich die Autoren (oder Autorinnen?) genötigt, klarzustellen, dass man (also sie) nicht die Gemeinschaft aller Männer, sondern aller Frauen meint. Genau, Frau!

Leider geht dieses alberne Spielchen – witzig ist das schon lange nicht mehr – auf Kosten der Sprache: „Mann geht gerne in den Baumarkt“ ist falsches Deutsch, es fehlt der Artikel, ebenso wie „frau geht gerne zum Friseur“, das ist auch noch falsch geschrieben. Aber zu schreiben: Der Mann (an und für sich) gehe gerne in Baumärkte und die Frau (an und für sich) zum Friseur macht den Schwachsinn nicht klüger. Geschlechterbewusstsein schützt noch lange nicht davor, in Klischeefallen zu tappen. Und wem „man“ zu diskriminierend klingt, der nenne Mann, Frau, Kind oder Teufel besser beim Namen.

Berliner Fragmente #27: Stil

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Es gibt Irrtümer, die sind wie Unkraut: So schnell sie sich verbreiten, so schwer sind sie auszurotten. Einer dieser renitentesten und ärgerlichsten Irrtümer ist die gemeine Auffassung über den Stil. Gemeint ist nicht Geschmack im Sinne von Mode und Kunst, sondern der gute schriftliche Ausdruck. Dieser Stil hat nichts mit Geschmack zu tun, es geht nicht darum, was gefällt, sondern was funktioniert.

Schreiben ist ein Handwerk: man kann seine Prinzipien erlernen und anwenden wie ein Klempner eine Toilette repariert. Manche aber bilden sich ein, sie hätten einen „eigenen Stil“, der sei Ausdruck ihrer Persönlichkeit und daher so sakrosankt wie ein Tabernakel oder ein Generalkonsulat. Und so hegen und pflegen sie ihr Unkraut, als wäre es ihr Allerheiligstes, während es unförmig wuchert und wilde Blüten treibt: das Ungenaue, die hohlen Phrasen, die Klischees, das sperrige Beamtendeutsch, die schiefen Bilder. Solche Stümper ziehen ein Monstrum heran und ahnen es nicht mal. Doch wehe, man stellt es infrage. Dann sind sie beleidigt und verteidigen es bis aufs Blut. Es befällt den Verstand, man wird resistent gegen Argumente und verbarrikadiert sich im Trotz.

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