wedding

Berliner Fragmente #35: Stammtisch

Foto: Lukas Gedziorowski

Foto: Lukas Gedziorowski

Nichts geht über einen geselligen Feierabendtrunk am frühen Nachmittag. Da stehen sie, die vier vom Wedding, und picheln sich einen am Verteilerkasten. Billiger als Kneipe, zudem an der frischen Berliner Luft, da schmeckt selbst die Zigarette besser. Kurzum: Man genießt die Versammlungsfreiheit an einem Herbsttag. Worüber sie wohl reden? Über den Islamischen Staat, die Ostukraine, Ebola oder den desolaten Zustand der Bundeswehr? Über philophische Fragen nach Leid und Gerechtigkeit? Oder erzählen sie sich von der Arbeit, vom Jobcenter, vom Ärger mit den Frauen? Es gibt nichts, was sich an diesem Stammtisch nicht diskutieren ließe. Es bleibt im trauten Kreis der Trinkkumpanen. Der Außenstehende sieht zu und denkt sich: Beneidenswert, wie einfach das Glück sein kann. Vielleicht ist der einzige Trick gegen die Schwere des Lebens, das Leben nicht so schwer zu nehmen. – Hm … klingt wie ein blöder Kalenderspruch, auch wenn was dran sein mag. Bestimmt fällt einem noch etwas Geistreicheres ein, aber bis dahin bleibt man dabei.

Berliner Fragmente #21: Todschick

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Der Marktschreier kommt als nobler Geschäftsmann daher. Im zerknitterten, grau-kariertem Anzug steht er vor dem Laden im Wedding, zwischen billigen Handtaschen und Schuhen, Bettwäsche und Zuckerspendern. Ein Mikrofon in der rechten Hand, die linke in Dienerhaltung vor der schwarzen Weste, in seinem mageren Gesicht ein aufgesetzt-freundliches Lächeln. Mit heiserer Stimme preist er einem abwesenden Publikum von Damen seine Waren und Preisnachlässe an. Zehn Euro für drei Kleidungsstücke. Nur wenige finden den Weg hinein.

An der Ecke gegenüber steht ein Ladengeschäft leer. Nur noch die Schilder künden von einem „Fashion Outlet“. Ein Schriftzug wirbt für die Neueröffnung, ein anderes für den Räumungsverkauf, während die Fenster mit Werbe-Plakaten beklebt sind. An der Seite, wo noch von Taschen und Schuhen zu lesen ist, kann man noch die Spuren des Vormieters erkennen: eines Bestattungsinstituts.