Frank Schmolke: Nachts im Paradies

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Taxifahrer haben es schwer. Nicht nur, seit Uber ihnen Kokurrenz macht und sie wahrscheinlich bald von selbstfahrenden Autos abgelöst werden. Spätestens seit Martin Scorseses „Taxi Driver“ wissen wir auch, warum der Antiheld in dem Film kein allzu gutes Menschenbild hat. Der Held in Frank Schmolkes Comic Nachts im Paradies wird zwar nicht zum selbsternannten Rächer, aber auch er hätte allen Grund dazu.

Wir sind nicht in New York unterwegs und nicht mal in einer deutschen Stadt, die als hartes Pflaster bekannt wäre: Es ist München. Aber zum Oktoberfest wirkt sie vom Taxi aus gesehen wie die schlimmste Stadt der Welt. Schon das überbordende Cover deutet an, was uns erwartet: Betrunkene, die sich fast ums Taxi prügeln, überall liegt der Dreck auf der Straße, dazwischen die Schnapsleichen und jene, die nur noch auf allen Vieren laufen können.

Bei Vincent steigt eine Besoffene ein, die nicht mal mehr stehen kann. Kaum abgesetzt, wird sie fast von zwei Männern vergewaltigt. Vincent muss sie vertreiben und die Frau in ihre Wohnung bringen. Er könnte die Situation selbst ausnutzen, als er sie da mit gespreizten Beinen auf dem Bett liegen sieht, aber Vincent ist einer von den Guten. Und er muss viel ertragen. Ihm platzt aber erst der Kragen, als ein Pärchen Oralverkehr auf dem Rücksitz hat und die Frau ihm das Auto vollkotzt. Vincent schmeißt sie raus, will sie zur Verantwortung ziehen, doch dann wird er von dem Lederhosenträger ausgeknockt – und auch noch um sein Geld bestohlen.

Das ist nur der Anfang einer Irrfahrt durch die Postapokalypse der Bierzombies, die die Stadt unsicher machen. Vincent muss in einem stinkenden Auto Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Er bekommt einen dubiosen Auftrag von einem Zuhälter und dann gerät auch noch seine Tochter Anna an den Falschen, lässt sich Drogen ins Bier kippen und wird fast vergewaltigt.

Auf 350 Seiten breitet Frank Schmolke, der aus jahrelanger Erfahrung erzählt, menschliche Abgründe in schwarz-weiß aus. München während des Oktoberfests ist hier kein Ort, an dem man auch abseits des Taxis sein möchte. Jeglicher menschlicher Anstand scheint vergessen, schnell ist die Grenze zum Verbrechen überschritten. Schwarzweiß erscheint auch die Gesellschaft: Männer selten Gutes im Sinn, Frauen sind Opfer, die ausgenutzt werden, die beschützt und gerettet werden müssen, aber immerhin ist Vincents Tochter auch eine starke Persönlichkeit, die sich nicht alles gefallen lässt.

Schmolke inszeniert seine Geschichte aber so lebensnah, schonungslos und packend, dass man atemlos die Seiten umblättert. Mit geschwungenem Strich und Noir-Optik erzeugt er eine ständige Unruhe, bei der man ständig das Schlimmste fürchtet. In diesem Taxi, in dieser Stadt im Ausnahmezustand kann alles passieren. Und man ist froh, wenn sich doch ein paar Vernünftige finden, die sich noch fragen, in was für einer Welt sie leben.

Nachts im Paradies ist ohne Übertreibung ein beachtliches Meisterwerk – und eines der besten deutschen Comics der vergangenen Jahre. Nach der Lektüre wird man bestimmt, wie Schmolke es empfiehlt, dem nächsten Taxifahrer gutes Trinkgeld geben.

>> Frank Schmolke: Nachts im Paradies, Edition Moderne 2019.

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