Mark Millar: The Magic Order

the magic order

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Wer nach Harry Potter eine Geschichte über Zauberei erzählen will, hat es schwer. Ob man ihn mag oder nicht: Harry Potter hat Maßstäbe gesetzt. Während das Franchise allerdings eingeht, weil es mit lahmen Filmen über „Fantastische Tierwesen“ zu Tode geritten wird, versucht es Netflix mit Sabrina und Mark Millar (Superior, Huck, Reborn) wagt mit The Magic Order einen Ansatz für Erwachsene.

Wobei, was heißt bei ihm schon wagen? Wenn Millar für eins bekannt ist, dann ist es seine Furchtlosigkeit beim Schreiben. Gleich zu Beginn erweist er sich als äußerst kreativ dabei, einen Mord zu inszenieren. Zwar lässt er sich eine Chance entgehen, sein Opfer beim Sex zu töten, er lässt den magischen Mörder brav abwarten, bis das Liebesspiel zu Ende ist, aber nur um etwas Unerhörtes zu tun: Er lässt ein Kind seinem eigenen Vater ein Messer in den Kopf rammen.

Nein, Millar kennt wirklich kein Tabu. Und wenn, dann nur um es zu brechen. Drastisch geht die Story weiter: Eine böse Zauberin, Madame Albany, tötet einen guten Zauberer nach dem anderen. Ihr Ziel ist es, selbst den „Magic Order“ übernehmen, der die Menschheit im Geheimen vor bösen Mächten schützt. Und dank ihres hochbegabten maskierten Attentäters, dem Venetian, gelingt der erste Teil des Plans auch zunächst. Es passiert eine Reihe sehr fies konstruierter Morde, bis am Ende die vier Familienmitglieder dran sind: der Vater, zwei Söhne, die Tochter Cordelia.

Wie üblich wird bei Millar viel gemetzelt und geflucht, es gibt übertriebene Gewalt und die typische durchgeknallte Schurkin, und bei all dem gibt es auch immer wieder etwas zu lachen. Besonders die flotten Sprüche und die kühnen Entfesselungsaktionen von Cordelia, dem schwarzen Schaf der Familie, sorgen für den Humor, der die Story bei aller Brutalität auflockert. Wie immer liegen aber Witz und Tragödie sehr nah beieinander, sodass es Millar immer wieder schafft, auch Empathie für seine Figuren zu wecken.

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Dank der Zeichnungen von Olivier Coipel ist The Magic Order auch etwas fürs Auge: Der präzise Strich mit seiner Liebe zum Detail lässt Figuren lebensnah erscheinen, während die düsteren Charaktere sehr abgründig inszeniert werden.

Leider enttäuscht Millar mit seiner Geschichte am Ende. Die Motivation des Mörders wirkt etwas weit hergeholt und die Lösung des Problems ist zu sehr Deus ex machina. Millars Problem ist häufig ein abgehetzter Erzählstil, der zwar nie langweilig wird, aber auch dazu führt, dass er sich nur sechs Ausgaben Zeit lässt, um in immer neue Welten einzuführen und seine Story zu erzählen. Dadurch wird man stets dann hinausgeworfen, wenn man sich gerade darin eingefunden hat.

Zwar steht auf dem Rücken des Bandes auch hier eine „1“, aber selten folgt ein zweiter Teil (außer bei Kick-Ass und Jupiter’s Circle/Legacy). Weil aber Netflix Millarworld gekauft hat und The Magic Order bereits unter dem Netflix-Label läuft, ist davon auszugehen, dass der Comic bald zur Serie adaptiert und spätestens dann auch fortgesetzt wird. Und wer weiß, vielleicht wird es dann wirklich etwas wie ein neuer Harry Potter. Einer für Erwachsene. Das Potenzial wäre da.

>> Mark Millar/Olivier Coipel: The Magic Order, Image 2019 (dt. Der magische Orden, Panini 2019).

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