Schurken im Ruhestand

Dark Horse

Der Name klingt einfallslos und bescheuert: Sherlock Frankenstein? Das hört sich nach einer dreisten Kreuzung zwischen Meisterdetektiv und Scharlatan an, nach Trashfilm und literarischer Leichenfledderei. Aber man sollte nicht nach Titeln urteilen. Tatsächlich ist das kein Comic für jeden, sondern nur für Leser von Black Hammer, der Offbeat-Superhelden-Serie von Jeff Lemire und Dean Ormston. Denen dürfte Sherlock Frankenstein als einer der Erzschurken bekannt sein. Und aus der Reihe der Helden, die sich ohnehin wie Frankensteins Monster aus Teilen ihrer Vorgänger zusammensetzen, sticht ein Sherlock Frankenstein nicht heraus. Doch die Mini-Serie, die jetzt als Paperback erschienen ist, ist mehr als ein Spin-off.

Anders als der Titel vermuten lässt, ist Lucy Weber die Heldin der Geschichte. Die Tochter des Superhelden Black Hammer sucht nach ihrem Vater. Der ist bei einem Schlag gegen den Oberschurken Anti-God zusammen mit anderen Helden verschwunden, alle halten ihn für tot, aber Lucy glaubt nicht daran. Beweise hat sie keine, aber eben so ein Gefühl.

Dass das Gefühl nur zum Teil stimmt, weiß man, wenn man die ersten zwei Bände von Black Hammer gelesen hat. Hier aber erfährt man mehr über ihre Suche nach der Wahrheit. Die junge Reporterin spricht mit einer Reihe von Schurken – und es sind einige Kuriositäten dabei. Der Riese im Schutzanzug „Mectoplasm“, der düstere Joker-Verschnitt „Grimjim“, der Halb-Oktopus-Halb-Klempner „Cthu-Lou“, die Frau in Rüstung „Metal Minotaurus“. Erst am Ende hat Sherlock Frankenstein, ein Unsterblicher aus dem viktorianischen England, seinen großen Auftritt.

Auch wenn die Schurken im Ruhestand als die größten Freaks erscheinen, erweisen sie sich als mindestens genauso menschlich wie ihre Gegner. So bizarr sie auch wirken mögen, am Ende sind sie auch nur einsame, desillusionierte, frustrierte und zutiefst tragische Charaktere.

Was Black Hammer so interessant macht, ist, dass die Superhelden und -schurkenzeit vorbei ist. Hier geht es nicht mehr um den Kampf zwischen Gut und Böse. Hier geht es darum, wie man mit dieser Vergangenheit und ihrer Nachwirkung fertig wird. Es sind ganz alltägliche Probleme: die eine hat einen gelähmten Körper, der andere findet keinen Job, weil er wie ein Monster aussieht, außerdem leidet er unter einer unglücklichen Ehe. Der einst heldenhafte, einst schurkische Sherlock will das Vergangene ruhen lassen, aber Lucy will nicht aufgeben. Und so bringt sie in ihm wieder die guten Absichten hervor, die er einst hatte.

Gezeichnet wird das Abenteuer nicht von Black Hammer-Stamm-Künstler Dean Ormston, sondern von David Rubín, der ihn zwei Ausgaben vertreten durfte. Dessen Figuren heben sich ab, weil sie deutlich überzeichneter, ja cartoonhafter gestaltet sind, mit größeren Augen und ausladenderen Gesichtsausdrücken. Dadurch wikt der Stil etwas schriller als die sonst ruhigere Hauptserie. Das ist zum Teil gewöhnungsbedürftig, weil die Geschichte dadurch etwa an Ernsthaftigkeit einbüßt, aber es schmälert nicht das Lesevergnügen, denn Autor Jeff Lemire bleibt auch hier ein begnadeter Erzähler mit einem feinen Gespür für seine Charaktere.

Sherlock Frankenstein zeigt die andere Seite von Black Hammer, es baut diese sonderbare Welt aus, bereichert sie um eine neue Perspektive und erlaubt es den Lesern, tiefer ins Geschehen einzusteigen. Im Oktober erscheint das US-Paperback zu einem weiteren Helden, Doctor Star; auf Deutsch bringt Splitter die Mini-Serie 2019 heraus.

>> Jeff Lemire/David Rubín: Sherlock Frankenstein and the Legion of Evil, Dark Horse 2018. (dt. bei Splitter am 1.9.2018)

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